Leseprobe 7 Kontinente Jürgen Grieschat

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Endlose Westsibirische Tiefebene
Die Straße führt uns aus dem geologisch sehr alten Uralgebirge hinab in eine Ebene. Auf der Schnellstraße geht es weiter nach Ekaterinburg. Eine traurige Berühmtheit hatte die nach der Zarin Katharina der Großen benannte Stadt erlangt. Während der Zeit der Oktober-Revolution wurde hier die Zarenfamilie gefangen gesetzt. Zar Nikolaus II., seine Frau und seine Kinder wurden schließlich 1918 von den Bolschewiki erschossen. Ihre Leichen wurden außerhalb der Stadt verscharrt und die Sommerresidenz der Romanows anschließend zerstört. Erst in den 80er-Jahren machte man die letzten Spuren des Gebäudes, in dem die Morde verübt wurden, endgültig dem Erdboden gleich. Das geschah auf Anweisung des späteren Präsidenten Boris Jelzin, der damals diesem Regierungsbezirk vorstand.
Zwischen 1921 und 1991 hieß Ekaterinburg nach Jakov Swerdlov, einem der Führer der Oktober-Revolution, Swerdlowsk. Nach dem Ende der Sowjetunion bekam es dann seinen alten Namen wieder. Doch selbst wenn es in der Stadt ein neues »Welthandelszentrum« gibt, das Anschluss an die Gegenwart bringen soll, überwiegt einfach immer noch die deprimierende Atmosphäre des Sozialismus - die riesigen Plattenbauten in ganz Ekaterinburg und die veralteten Fabrikanlagen zeugen von siebzig Jahren Mangel- und Planwirtschaft.
Es ist nicht ganz einfach, aus diesem Industrie- und Bahnknotenpunkt herauszufinden, aber dann haben wir es geschafft und fahren zügig in nordwestliche Richtung weiter.
In Irbit finden wir nach einigem Suchen das angeblich beste Hotel der Stadt. Oje! Wie sieht dann erst das schlechteste aus? Jedenfalls überlegen wir nach einer ersten Inspektion, vielleicht doch besser die Zelte aufzuschlagen. Aber da sich der Himmel zunehmend verdunkelt und ein Gewitter aufzieht, lassen wir diese Alternative gleich wieder fallen. Wir bringen unser Gepäck schnell im Hotel unter und fahren die Motorräder einige Straßen weiter auf einen bewachten Parkplatz. Zügig gehen wir zurück, aber nicht zügig genug. Kurz bevor wir die rettende Überdachung erreichen, öffnet der Himmel seine Schleusen, und wir bekommen eine kräftige Dusche ab. Die kommt gerade recht, denn die sanitären Anlagen des Hotels funktionieren in alter sozialistischer Tradition entweder gar nicht oder permanent.
Als wir zum Essen gehen wollen, erfahren wir, dass das Restaurant des Hotels schon lange aufgegeben hat. Die Hinweisschilder auf ein weiteres, ganz in der Nähe befindliches, führen zu einem eingestürzten Gebäude. Der Restaurantbesuch fällt also heute ins Wasser. So schnappen wir uns zwei Rucksäcke und kaufen in einem nahe gelegenen Magazin ein. Dann improvisieren wir ein üppiges Mahl im Foyer des Hotels. Und bekommen sogar noch Besuch: Während wir gerade tafeln, stoßen Wolodja, Tanja und Igor zu uns, die an einem großen Motorradtreffen der Marke Ural in der Stadt teilgenommen haben. Sie setzen sich und erzählen ausführlich von dieser Veranstaltung.
Der Austausch von Erlebtem läuft zu Höchstform auf, als Peter und Martina Wollny mit ihrem Hund dazukommen. Sie wohnen ebenfalls in dieser »Nobelherberge«. Die drei befinden sich mit einem Ural-Gespann auf Weltreise. Sie haben in Irbit Station gemacht, da sich hier die Fabrik befindet, in der die gleichnamigen Motorräder zusammengeschraubt werden. Wir verabreden für den nächsten Tag einen gemeinsamen Besuch in der Fabrik. Sie haben schon einen Termin, an den wir uns anschließen dürfen. Der Abend wird lang, und wir können gar nicht aufhören zu klönen. Erst ein Blick zur Uhr und der Gedanke an unser Vorhaben am nächsten Tag lassen uns vernünftigerweise die fröhliche Runde beenden und in die Betten gehen.
Frühmorgens gehen wir gemeinsam zum Werkstor und werden schon erwartet. Dann beginnt ein höchst kurzweiliger und sehr interessanter Rundgang durch russische und deutsche Motorradgeschichte. Denn es war schließlich ein BMW-Motorrad, aus der die russische Ural hervorging.
Wie in vielen anderen russischen Industriebetrieben sind die Produktionszahlen auch bei Ural deutlich gesunken. Und wie anderswo auch, wurde die Zahl der Beschäftigten deutlich reduziert. In diesem Fall von über 4.500 auf knapp 1.000. Man hat jetzt immerhin begonnen, sich den geänderten Marktbedingungen anzupassen. Es werden Klein- und Sonderserien produziert und sogar spezielle Kundenwünsche erfüllt - vor Jahren undenkbar. Ein nicht unerheblicher Teil der Produktion geht ins Ausland, unter anderem nach Deutschland. Probleme gibt es nach wie vor mit der Qualität, die ganz und gar nicht dem westlichen Standard entspricht. Im Werksmuseum hat man auf engstem Raum Beispiele der gesamten Produktionsgeschichte ausgestellt. Wir können die Motorräder genau inspizieren, anfassen und sogar Probe sitzen. Ein tolles Museum. Einige Pioniere des russischen Motorradsports stoßen zu uns, und so vergeht die Zeit viel zu schnell. Zum Abschluss folgt ein gemeinsames Foto vor dem Werkstor mit seinen großen Plakatwänden. Es wird ein melancholisches Foto.
Wir verlassen Irbit. Der Ural und seine Ausläufer liegen lange hinter uns. Wir fahren in eine der größten Tiefebenen der Welt hinein, in das Westsibirische Tiefland. Die Sibirier nennen es »Gottes unvollendetes Werk«, denn Gott hat hier wohl vergessen, das Wasser von der trockenen Erde zu trennen. Wir passieren unzählige Flüsse, Seen und endlose Sumpfgebiete. Dazwischen liegen zunehmend größere Waldflächen. Ein klares Zeichen, dass wir jetzt das Gebiet der Taiga erreicht haben. Einige Waldinseln bestehen aus Ansammlungen von Birken. Der Großteil der Wälder jedoch ist mit Fichten, Tannen, Kiefern, Lärchen und Zirbelkiefern bewachsen. Zirbelkiefern sind sibirische Zedern, deren nahrhafte Samen gerne gegessen werden.
In Tjumen bleiben wir über Nacht. Der Ort war die erste russische Stadt in Sibirien und wird auch als »Mutter der sibirischen Städte« bezeichnet. Gegründet wurde Tjumen von Kosaken im 16. Jahrhundert auf den Ruinen einer alten tatarischen Siedlung. Wie die übrigen größeren Städte der Region erlebte Tjumen in den 60er-Jahren einen Bauboom, als hier Erdöl gefunden wurde. Zur Ausbeutung der Vorkommen sowie zum Bau von verarbeitender Industrie strömten Tausende von Arbeitern hierher. Von den alten Städten und Dörfern ist allerdings selten mehr als ein kümmerlicher Rest erhalten. Immerhin: Nach dem Hotel-Erlebnis der letzten Nacht überrascht uns die heutige Unterkunft positiv. Das Haus ist zwar nicht besonders preisgünstig, entspricht dafür aber eindeutig westlichem Standard.
Auf der Suche nach einer Bank fahren wir noch einmal in die Stadt. Der Weg ins Zentrum will nicht enden. Wir sind überrascht und beeindruckt von den vielen ordentlichen Neubauten links und rechts der Straße. In der City stehen zwar nur noch wenige alte Holz- und Steinhäuser. Doch ist quasi nebenan eine hübsche neue Stadt entstanden. Wir können es kaum glauben. Farbenfroh und freundlich die Wohnblöcke, was für ein Unterschied zu den sonst üblichen tristen Betonkästen. Es geht also doch. Da passt unser tadelloses Hotel gut ins Bild. Das Haus hat sogar eine Bankfiliale, in der wir endlich einmal Geld mit der Kreditkarte ziehen können.
In zwei langen Tagesetappen durchmessen wir vollends das platte Westsibirische Tiefland und gelangen über Omsk nach Nowosibirsk. Auf dieser Strecke passiert es: Martin übersieht ein großes Stück Holz auf der Fahrbahn. Er fährt wohl für einen Moment schneller, als sein Schutzengel fliegen kann. Der holt ihn Sekunden später zwar wieder ein und bewahrt ihn vor dem Schlimmsten, doch Martins BMW ist hinterher nicht mehr fahrbereit. Die Enduro sieht mit heruntergeklapptem Lenker und krummer Gabel jetzt aus wie eine Rennmaschine. Und Martin selbst? Sein Rückenprotektor rettet ihn beim Aufprall nach 50 Meter Flug. Die Ärztin, die mit dem Krankenwagen am Unfallort eintrifft, kann es kaum glauben, dass Martin fast nichts passiert ist. Dann kommt die Miliz und nimmt den Unfall auf. Nachdem alles vermessen, protokolliert und unterschrieben ist, müssen wir alle zusammen eine Strafe zahlen: Dreihundert Rubel wegen Eingriffs in den Straßenverkehr. Wirklich nicht zu fassen.
Nach langem Hin und Her sind wir uns einig, dass Martin am besten in Nowosibirsk zurückbleibt, um sich von dem Unfall auszukurieren. Ihm tun doch ganz schön die Knochen weh. Eventuell kann er dann mit der Bahn nachkommen oder nach Hause fahren. Die Rest-BMW wird auf einen bewachten Parkplatz geschafft und soll dort auf den Rücktransport durch den ADAC warten.
Noch von einem zweiten Mitfahrer müssen wir uns in Nowosibirsk verabschieden: Claus bricht sich bei einem Treppensturz sein rechtes Bein so kompliziert, dass uns der Arzt im Krankenhaus dringend rät, ihn zur besseren Weiterbehandlung nach Deutschland zurückzubringen. Wir haben Glück im Unglück. Mit Hilfe meines Freundes Sergej bekommt er im nächsten Flieger von Nowosibirsk direkt nach Hannover einen Platz. Motorrad auf den Parkplatz und ab nach Hause.
In Nowosibirsk, der zweitgrößten Stadt Sibiriens, wollen wir eigentlich eine längere Pause einlegen, bevor wir dann in den Süden abschwenken. Wir möchten gerne Freunde besuchen und uns Akademgorodok ansehen, das wissenschaftliche Forschungszentrum am Rande der Stadt.
Aber es kommt alles ganz anders. Am Telefon erfahre ich, dass wir den Weg durch das westliche Sajangebirge am Fluss Tom entlang in die Republik Tuwa nicht passieren können. Es hat dort wochenlang unaufhörlich geregnet, und so ist diese Piste für Wochen vollkommen unpassierbar. Wir müssen uns also einen anderen Weg nach Tuwa suchen. Die geplante Erstbefahrung von Westen her können wir vergessen. Stattdessen müssen wir in einem großen Bogen um das Sajangebirge herumfahren. Zunächst nordostwärts in Richtung Kemerowo, bevor wir dann nach Süden abbiegen. Dort soll eine neue Straße nach Tuwa führen.

Juri, der etwas andere Polizist
Wir umarmen Martin, bekommen alle feuchte Augen und lassen den Pechvogel zurück. Die Route kreuzt den Ob. Mit 3.680 Kilometer Länge ist er der größte Fluss Westsibiriens. Die Fahrerei wird nun langsam wieder interessanter. Die Straße deutet erste Kurven an und bringt nach den nicht mehr enden wollenden Geraden des Westsibirischen Tieflandes etwas Abwechslung. Die wenigen Ortschaften, die wir hier zu Gesicht bekommen, liegen abseits der Route. So schwingen wir zufrieden mit uns selbst und der Welt durch die westlichen Ausläufer des Mittelsibirischen Berglandes.
Langsam wird es dämmerig. Zeit, ein Quartier für die Nacht zu finden. Genau in diesem Moment glaube ich, meinen Augen nicht zu trauen: Walter auf seiner BMW R 1150 GS liefert sich mit einem dunkel verhangenen 7er-BMW ein Straßenrennen. Das kann nicht gut gehen! Welcher Teufel reitet ihn denn nun schon wieder? Hat er seine letzte Begegnung mit der uniformierten Art schon vergessen? Vergessen, wie viel er abdrücken musste, als er in einer Ortschaft fröhlich winkend an einem Radarwagen vorbeifuhr? Und dann rast dieser 7er-BMW auch noch mit unverminderter Geschwindigkeit auf einen GAI-Posten, einen Kontrollposten der Straßenpolizei, zu und stoppt erst in letzter Sekunde. Ich komme nicht mehr mit. Was für eine Provokation geht denn hier ab?
Kaum steht der Wagen, springt einer der Polizisten des Postens blitzschnell aus dem Häuschen. Mir wird gleich übel. Jetzt geht es Walter an den Kragen. Aber was dann folgt, hätte niemand von uns erwartet: Der Polizist knallt die Hacken zusammen und salutiert. Danach öffnet sich die Fahrertür des BMW und ein uniformierter Herr steigt aus. Unmissverständlich fordert er Walter zum Absteigen auf. Ich halte neben den beiden an und übersetze dem blassen Walter die Fragen:.....

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