Abschlussbilanz Sibirien 2011

  • Über 9.000 km
  • 12 platte Reifen, einen hat Jürgen geflickt, die übrigen in Werkstätten
  • 12 Umfaller/Stürze ohne Schäden
  • 1 hinterer Bremsschlauch durchgescheuert - erneuert
  • 1 gebrochene Schraube für hinteren Kotflügel bei 1200 GS - weiter ohne "Schutzblech"
  • 2 abgesprungene Einspritzeinheiten bei 1200 GS, eingebaut, dann hat es sich reguliert
  • 4 defekte Lampen (Glühbirnen)
  • 1 defekter Simmering Kardanausgang von K 1200 GT, repariert mit defektem Kugellager, leckt nach 1000 km wieder
  • 1 gebrochene Feder beim VW Bus, 4 erneuerte Stoßdämpfer
  • 3 erneuerte Lager
  • 1 Riss in der Scheibe
  • dreimal ein abvibrierter Kotflügel vom Anhänger
  • 10.000 tote Insekten an den Fahrzeugen
  • 2 kleine Auffahrunfälle untereinander - ohne große Schäden
  • 1 angeblicher Unfall mit einem PKW, reguliert
  • 1 geplatzter Reifen am Begleitfahrzeug
  • 2000 Transportkilometer von Motorrädern auf dem Anhänger
  • 1 losgerüttelter Stiftzahn, fährt im Portemonnaie mit ;)
 

Jürgens Fazit zur Sibirien Reise

 

Jürgens Fazit zur Sibirien Reise

Und dennoch ist es Abenteuer!

Geschafft - nach vier Wochen sind wieder alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer unserer Tour zum Baikalsee in Klaipeda/Memel in Litauen angelangt und von dort mit der Fähre nach Kiel zurückgefahren. Eine anstrengende, aber faszinierende Erfahrung liegt hinter ihnen. Über 9.000 Motorradkilometer, tausende Begegnungen, Millionen Eindrücke, ein paar Mücken - für den einen mehr, für den anderen weniger und die Gewissheit, etwas erfahren zu haben, was einem niemand nehmen kann! Selbst wenn inzwischen die Straße bis nach Listwjanka am Baikalsee in Sibirien nahezu durchgehend geteert ist, ist und bleibt die Strecke dennoch ein Abenteuer. Der Straßenverkehr spiegelt das Land wieder: hilfsbereite, aufmerksame Autofahrer ebenso wie überaus aggressive Egozentriker hinter völlig verdunkelten Scheiben - auch Frontscheiben - wie sehen die eigentlich die Straße, tagsüber? Nachts? Zunehmend Radarkontrollen. Hinter Büschen hervorspringende Polizisten, die Verkehrsübertretungen sofort ahnden wollen. Menschen, die kilometerweit zwischen kleinen Dörfern zu Fuß auf der Straße unterwegs sind, Mütterchen, die stundenlang an der Straße, auf Bahnsteigen, in der Näher kleiner Märkte sitzen, um etwas Obst, Blumen oder Pilze zu verkaufen. Liebevoll geschmückte Grabsteine entlang den Straßen, von denen, die es nicht geschafft haben. Kleine Dörfer, die verlassen erscheinen, aber dennoch bewohnt sind. Liebevoll gepflegte Holzhäuser, bemalte Fenster, verziert mit Holzschnitzereien. Kleine Magazine, Dorfläden mit allem, was man zum Überleben braucht, vor allem eine große Auswahl an Wodka. Riesige Einkaufszentren und Supermärkte, zu denen unsere im Vergleich klein erscheinen. Prachtvillen hinter hohen Mauern. Aufgelassene Sowchosen und Kolchosen. Übrig gebliebene Symbole aus sowjetischer Zeit, mal ein Lenin, die Hand zum Gruß erhoben, unendlich viele Eindrücke. Blitzlichter, Gedankenblitze, Träumereien.
Mal sehen, wie es im nächsten Jahr sein wird, wenn wir die Reise noch einmal machen werden, dann allerdings die 30 Tage Visum für Russland voll ausnutzend, so dass wir auf eine Gesamtreisezeit von sechs Wochen kommen werden. Gut zu wissen, dass schon jetzt über die Hälfte der Plätze gebucht sind. Es ist schon ein grandiosen Erlebnis und doch ein Abenteuer.

Nach über acht Stunden Grenzübertrittsdauer auf dem Hinweg - für den Begleitbus mehr als 17 Stunden - dauerte es auf der Rückreise keine drei Stunden und wir waren wieder in Lettland. Mir fiel ein Stein vom Herzen und ich habe die Wette mit Stefan, meinem Freund aus dem Ural gewonnen, auch deswegen, weil die Motorräder ohne Schäden per Lastwagen vom Baikalsee nach Moskau gekommen sind. Die Teilnehmer der Tour hatten das Erlebnis, mit der Transsib von Irkutsk nach Moskau zurück zu fahren. Während einige schon nach zwei Tagen am liebsten wieder auf die Motorräder umgestiegen wären, hätten andere noch tagelang weiterfahren wollen, um dieses zweite große Erlebnis in Russland ausdehnen zu können.
Egon und ich mussten den Begleitbus zu zweit über mehr als 5.600 km zurückfahren, aber auch das ein eindrucksvolles Erlebnis - der nächtliche Ural, einer der wenigen Wolkenbrüche auf der Tour, hoch aufspritzende Wasserfontänen aus tiefen Spurrillen, nahezu unbeleuchtete Fahrzeuge und die Zufriedenheit, alles geschafft zu haben. Inzwischen sind alle wohlbehalten zu Hause angelangt und haben ihre ersten Gedanken zur Reise und dem Erlebten zurückgemeldet.

Mittlerweile sind wir zu einer 14-tägigen Rundreise durch Litauen, Lettland und Estland aufgebrochen. Baltische Impressionen, anders und doch ähnlich wie viele Eindrücke, die wir in den vier Wochen davor hatten.
Im Anschluss habe ich ein paar Ruhetage zu Hause, dann eine Reise durch die Pyrenäen, bevor wir dann das zweite große Abenteuer unserer Saison starten, eine Motorradreise durch Armenien, an der außer mir nur fünf Interessierte teilnehmen können. Eine Reise, die es in dieser Form noch nie gegeben hat.
Liebe Grüße Jürgen

Sibirien Tagebuch Tag 1

 

Sibirien Tagebuch Tag 1

Mittwoch, 06.07.2011

Endlich geht es los. Für Mittwoch Nachmittag haben wir uns in Kiel an der Fähre verabredet. Sonst starten wir unsere Reisen immer in Hamburg, aber da die Teilnehmer aus der ganzen Bundesrepublik kommen, haben wir den Treffpunkt an die Fähre verlegt. Werden alle da sein? Auch Reiner aus Löbau, der mit seinen 76 Jahren der Älteste auf unserer Tour ist?

Allerletzte Vorbereitungen sind noch zu treffen, aber alles nur Kleinigkeiten. Alles sind pünktlich da. Auch ein paar Freunde und Verwandte sind zur Verabschiedung gekommen. Freudiges Wiedersehen, denn viele der Mitfahrenden waren schon auf anderen Touren dabei. Dann fahren wir an Bord. Die Motorräder werden verzurrt und wir beziehen die Kabinen. Die Fähre legt ab. Vor uns liegen 21 Stunden Überfahrt. Zeit genug um sich kennen zu lernen. Ein erstes Bier, dann fangen wir an zu klönen. Draußen trübt es sich ein, es beginnt zu regnen. Macht nichts, was jetzt runter kommt, kann uns später nicht treffen. Infos zur Reise, Abendessen, Motorrad- und Reisegeschichten, der Abend wird lang.

Sibirien Tagebuch Tag 2

 

Sibirien Tagebuch Tag 2

Donnerstag, 07.07.2011

Ankunft Klaipeda, alles wird gut, die ersten Aufregungen positiver Art haben sich gelegt. Bei bestem Wetter laufen wir in Litauens größten und einzigen Fährhafen ein. Beim Starten muckt der Begleitbus. Warum auch immer - die Batterie hat schlappgemacht. Aber ein paar kräftige Hände schieben und schon rasselt der alte Diesel los.
Kein Problem bei der Einreise, wir sind im Schengenbereich. Vor dem Tor werden wir schon freudig erwartet, Bernhard aus Bremerhaven steht dort. Er hat etwas mehr Zeit und zur Anreise den Landweg gewählt. Aber nicht durch Polen, sondern durch Norwegen übers Nordkap.
Auf nach Siauliai. Vor uns liegen entspannte 160 km. Zwei kurze Wärmegewitter, Regen wechselt mit Sonnenschein. Klapperstörche wie in Masuren, blühender Raps und grünes Getreide, das sich im Winde wiegt, große Distanzen zwischen den Ortschaften.

Sibirien Tagebuch Tag 3

 

Sibirien Tagebuch Tag 3

Freitag, 08.07.2011

Ein Abstecher von der eigentlichen Route führt uns zum „Berg der Kreuze", Kryziu kalnas, dieses litauische Heiligtum ist ein ganz besonderer Ort. Auf einem kleinen Hügel finden sich einige 10.000 große und kleine Kreuze, nicht gerechnet die zahlreichen kleinen Kreuzanhänger. Die vom Hügel und den umgebenden Kreuzen eingenommene Fläche beträgt mehr als einen Hektar. Pilger stellen Kreuze auf den Hügel, verbunden mit einem Wunsch oder Dank. Die Wallfahrt erfolgt individuell und ist an keine Termine gebunden. Zu Entstehung des Hügels, dem Aufstellen der Kreuze sowie der damit ausgelösten Wirkungen gibt es zahlreiche Sagen und Legenden.
Die ersten Kreuze sind im 19. Jh. nach den polnisch-litauischen Aufständen gegen den Zaren aufgestellt worden - zum Gedenken an die gefallenen, hingerichteten und deportierten Aufständischen. In den Zeiten nach dem 1. und verstärkt nach dem 2. Weltkrieg wurden es immer mehr. Diese Zeichen litauischer Frömmigkeit waren den Kommunisten immer unheimlich. In der Stalinzeit und auch danach hat die sowjetlitauische Obrigkeit mehrfach versucht, die Wallfahrt zu unterbinden und den Hügel zu zerstören. Mindestens dreimal wurden die Kreuze mit Planierraupen niedergewalzt. Doch die Menschen brachten immer neue Kreuze und Skulpturen auf den Hügel. Es entstand ein nationaler Wallfahrtsort, den jährlich über 100.000 Gläubige und Touristen besuchen.
Inzwischen stehen zahllose Kreuze auf dem Berg. Zwischen den großen, die aus Holz, Metall oder Plastik bestehen, hängen viele kleine und auch Hunderttausende von Rosenkränzen. Neben den christlichen Kreuzen findet man auch orthodoxe Kreuze. Manche Besucher hängen auch kleine Zettel mit Bitten und Gebeten auf.
1993 besuchte Papst Johannes Paul II. diesen Ort und zelebrierte in einer Holzkapelle unter freiem Himmel eine Messe vor etwa 100.000 Gläubigen. Er ließ ein großes hölzernes Kreuz aufrichten. Seither ist hier auch für Katholiken aus aller Welt ein heiliger Ort. Auf kleinen Straßen fahren wir weiter nach Osten, weiter zur Grenze nach Lettland. Um ein wenig mehr Spaß zu haben, verlassen wir die Hauptstraße und fahren über eine Schotterpiste eine kürzere Strecke nach Daugavpils. Jetzt können alle ihre Erfahrungen gut einsetzen, die sie z. T bei unseren Endurotrainings gemacht haben. Daugavpils, die Stadt an der Düna. Gleich zu Beginn der erste Anblick auf die alte Festung, heute gut gesichertes Gefängnis.
Dann unser Ziel für heute, R?zekne. Die der Einwohnerzahl nach zweitgrößte Stadt in Latgale ist eine der ältesten Städte Lettlands, das kulturelle Zentrum der Region. Das alte Rossitten kann auf tausend Jahre Geschichte verweisen. Das Hotel liegt zentral. Nach dem Abendessen machen wir einen Rundgang, schaffen es aber gerade rechtzeitig vor einem niedergehenden Wolkenbruch zurück zu sein. Unter dem Vordach der Veranda geschützt, beobachten wir das Treiben. Nicht alle, die an uns vorbeihuschen, haben einen Schirm oder Regenzeug dabei, auch Miss Wet-T-Shirt nicht.

Sibirien Tagebuch Tag 4

 

Sibirien Tagebuch Tag 4

Samstag, 09.07.2011

Heute kommt unser erster harter „Ritt" mit der Überquerung der Grenze zu Russland und der Fahrt nach Smolensk. Wir verlassen Rezekne. Über Ludza geht die Strecke durch den „wilden Osten" Lettlands zur Grenze nach Russland, die wir kurz hinter Zilupe erreichen. Eine gute Stunde. Und dann die endlos lange Schlange vor der Grenze. Mit den Motorrädern können wir vorfahren. Nur den Bus bekommen wir trotz zäher Verhandlungen nicht mit. Egon muss sich am Ende der Schlange einreihen. Wir verabreden einen späteren Treffpunkt. Nur sehr langsam geht es voran. Dann erreichen wir die russische Seite. Eintrag aller Papiere. Und wieder haben wir Glück. Als wir gerade im überdachten Abfertigungsbereich sind, geht ein sintflutartiger Wolkenbruch nieder. Dann sind wir endlich durch. Ortszeit 17 Uhr, zwei Stunden weiter als zu Hause. Auf der M9 ostwärts fahren wir nach Südosten bis wir Smolensk erreichen. Den geplanten Abstecher nach Katyn werden wir auf den nächsten Morgen verschieben. Höchste Konzentration bei der Fahrt durchs nächtliche´ Smolensk, Schlaglöcher, hoch herausragende Straßenbahnschienen - von jedem etwas. Wir erreichen das Hotel. Man ist froh uns zu sehen. Die Motorräder kommen auf den bewachten Parkplatz und wir bekommen noch lange nach Mitternacht ein Drei - Gänge - Menü! Von Egon eine kurze SMS - er steht noch vor der Grenze. Aber morgen werden wir ihn treffen. Sicher.

Sibirien Tagebuch Tag 5

 

Sibirien Tagebuch Tag 5

Sonntag, 10.07.2011

Um halb fünf werde ich wach. Ging da nicht das Handy? Ich sehe nach. Richtig, eine SMS von Egon „04:13 h, bin gerade durch, treffen uns nachmittags in Borodino". Beruhigt schlafe ich wieder ein. Unser Rhythmus: um sieben aufstehen, um acht frühstücken und um neun losfahren. Das Hotel Rossija in Smolensk ist ein typisches Hotel aus sowjetischer Zeit, das Gebäude, die Einrichtung, irgendwie stehengeblieben, aber interessant, vor allem für die, die noch nie hier waren.
Nach dem Frühstück holen wird die Motorräder vom bewachten Parkplatz und beladen sie auf dem Hotelvorplatz. Um uns herum ist ganz viel los. Die Menschen strömen geradezu um diese Zeit in das dem Hotel angegliederte Kino. Im Angebot, der neue 3-D-Film von Disney. Wir wollen gerade losfahren, da stellt Claus fest, dass sein hinterer Reifen platt ist. Also ist für mich Flick- und Instruktionsstunde angesagt. Den Reifen flicken und dabei erläutern, wie es geht, denn die wenigsten haben das bisher gemacht. Das ist auch bei unseren Schrauberkursen am Anfang des Jahres einer der am meisten nachgefragten Punkte.
Die benachbarte Tankstelle hat kein Luftdruckmessgerät, wir fahren weiter, bis wir zu einem Vulkaniseur kommen. Dann gilt es, Versäumtes nachzuholen. Wir fahren nach Westen und erreichen nach wenigen Kilometern Katyn.
Der Name des Ortes ist durch das im Frühjahr 1940 verübte Massaker an einigen Tausend Polen, meist Offizieren, Polizisten und Intellektuellen, bekannt geworden. Dieses Massaker wurde im Jahr 1943 bekannt, weil die in den Wäldern nahe Katyns verscharrten Leichen von deutschem Militär bei dessen Vormarsch ausgegraben und international gegen die UdSSR verwendet wurden. Die sowjetische Propaganda hatte jahrzehntelang auch in der Nachkriegszeit die Täterschaft geleugnet und stattdessen das deutsche Militär als Täter beschuldigt.
Heute ist klar, dass dieses Massaker Teil einer Aktion des NKWD war, bei der auf Weisung Stalins rund 22.000 polnische Staatsangehörige an verschiedenen Orten in der UdSSR, der Ukraine und Weißrusslands ermordet wurden. Die Gräber beim Dorf Katyn waren die ersten, die entdeckt wurden. Sie waren auch lange die einzig bekannten. Deshalb entstand für die gesamte Aktion das Synonym „Massaker von Katyn". Als dann nach langer Zeit dieses Verbrechen seitens Russlands zugegeben wurde, sollte es zu einer Versöhnung über den Gräbern kommen. Doch beim Anflug zu dem Treffen stürzte am 10. April 2010 ein Flugzeug ab und alle Passagiere starben, unter ihnen der amtierende Präsident Lech Kaczynski, und mehrere hochrangige polnische Würdenträger.
Wir verlassen diesen eindrucksvollen Ort und setzen unseren Weg auf der M1 fort. Durch eine leicht hügelige Landschaft geht es immer ostwärts Richtung Moskau.
Am Nachmittag erreichen wir Borodino, den Ort einer bedeutenden Schlacht in den Napoleonischen Kriegen, die im September 1812 zwischen einer französischen Armee unter Napoleon I. und einer russischen Armee unter Feldmarschall Michail Kutusow ausgetragen wurde.
Die Russen zogen sich zurück und die Franzosen rückten auf Moskau vor, ohne auf weiteren Widerstand zu stoßen. In dieser Schlacht, die als eine der blutigsten im 19. Jahrhundert gilt, verloren die Russen etwa 42.000, die Franzosen ungefähr 32.000 Mann. Tolstoj hat 1869 diese Schlacht in seinem Roman „Krieg und Frieden" verarbeitet.
Und dort treffen wir wieder auf Egon. Wir sind wieder komplett. Der Verkehr wird zunehmend dichter und auch aggressiver. Umsicht ist mehr denn sonst geboten. Wir müssen mehrere Stadtringe überqueren, bevor wir in den Innenstadtbereich gelangen. Wir erreichen den Kreml, halten für ein Foto am Roten Platz und fahren dann weiter zu unserem Hotel, dem Izmaylowo-Alfa. Welch ein Glück, dass es Sonntagabend ist, der Stau in dem wir unterwegs sind, ist für Moskauer Verhältnisse geradezu überschaubar.

Sibirien Tagebuch Tag 6

 

Sibirien Tagebuch Tag 6

Montag, 11.07.2011

Von Moskau über den Goldenen Ring nach Susdal

Nach einer Nacht in Moskau begeben wir uns durch eine leicht hügelige Landschaft nordöstlich aus Moskau heraus. Wir müssen mehrere Stadtringe überqueren, bevor wir durch eine leicht hügelige Landschaft Sergejew Posad erreichen. Das ehemalige Sagorsk bildet mit dem Dreifaltigkeitskloster das Zentrum der russisch-orthodoxen Kirche und ist eine wichtige Stadt des „Goldenen Rings". Der Besuch eines orthodoxen Gottesdienstes ist mit Sicherheit ein besonderes Erlebnis: Chorgesang, Kerzen, Weihrauch und der Glanz der goldenen Ikonen bereiten eine feierliche Atmosphäre.
In Sergejew Posad schwenken wir in östliche Richtung nach Susdal ab. Durch eine weite, hüglige Landschaft erreichen wir schließlich erreichen wir Susdal. Eindrucksvoll, diese Ansammlung von Klöstern - einfache, eher unscheinbare, weiß verputzte mit bunten Dächern gekrönte, aus Stein und aus Holz. Wir verbringen noch einen gemütlichen Abend im Hotel und sprechen über die vielen Eindrücke des vergangenen Tages. 

Sibirien Tagebuch Tag 7

 

Sibirien Tagebuch Tag 7

Dienstag, 12.07.2011

Von Susdal über Palech nach Nischni Nowgorod

Der direkte Weg über die M7 nach Nischni Nowgorod ist zwar kürzer, aber die Fahrt durch die Provinz und vor allem ein Stopp in Palech, wo die traditionellen russischen Lack-Miniaturmalereien gepflegt werden, lohnt den Umweg. Der Ort Palech ist vor allem für das hier gepflegte Ikonenmaler- und Lackier-Handwerk bekannt.
Unterwegs halten wir an, um Kirchen mit hellblauen, weißen oder mit Sternen bemalten Kuppeln oder traditionelle Holzhäuser zu bewundern. Fast jeder der kleinen Orte, durch die wir kommen, hat eine eigene Kirche. Hatte muss ich besser sagen, denn die meisten sind Ruinen. Wie hohle Zähne ragen schlanke Kirchtürme in den Himmel, ebenso gedrungene mit den Resten von Zwiebeltürmen, über Jahrzehnte dem Verfall preisgegeben.
Die Entstehung der Palecher Ikonenmalkunst wird ab dem 16. Jh. vermutet, als Palech zu einem Handwerkerort wurde, in dem unter anderem Holzschnitzer tätig waren. Zum Anfang des 18. Jhs. etablierte sich hier bereits ein eigenständiger Stil der Ikonenmaler, der unter anderem an Traditionen des alten Susdaler Staates anknüpfte.
Nach der Oktoberrevolution 1917 ging die Ikonenmalerei in Palech im Zusammenhang mit der staatlichen antireligiösen Kampagne der Kommunisten zurück und hörte zeitweilig fast auf zu existieren. 1924 entstand im Ort ein Zusammenschluss von Künstlern, das sich auf Holzmalereien und auf Lack-Miniaturmalereien spezialisierte.
Gewöhnlich werden Schachteln, Dosen, Broschen, Platten, Aschenbecher, Krawattennadeln, Anstecknadeln, Kerzenständer, Salzfässchen und andere Gebrauchsgegenstände mit dieser dekorativen Lackminiaturmalerei verziert.
Dieses Handwerk, die so genannte Palech-Miniatur hat in Palech bis heute Bestand, außerdem werden seit dem Ende der Sowjetunion die alten Ikonenmalertraditionen wieder belebt.
Wir haben Glück. Als wir mitten im Ort am Teich zu einem Picknick anhalten, hält Sergej mit seinem Motorrad. Er ist Mitglied im örtlichen Biker-Club und wir kommen ins Gespräch. Dabei stellt es sich heraus, dass er in einer dieser Werkstätten arbeitet. Die Gelegenheit. Ein kurzes Telefonat und wir haben wenig später eine Privatführung. Eindrucksvoll. 
In der Nähe von Nischni Nowgorod steht ein einzigartiger hyperbolischer NIGRES-Stromlei­tungsmast, der im Jahre 1929 vom russischen Ingenieur, Erfinder und Universalgelehrten Wladimir Schuchow errichtet wurde. Eine großartige Konstruktion. Leider gibt es die anderen Masten nicht mehr, mit denen die Stromleitungen an des andere Ufer der Oka geführt wurden. Scheinbar endlos ziehen sich die Industriebetriebe und die Vororte Nischni Nowgorods hin, bis wir, von eine Leninstatue begrüßt. Unser Hotel direkt am Wolgaufer erreichen.
Den Abend wollen wir mit einem Bier nahezu gemütlich am Ufer der Wolga ausklingen lassen - aber es wird doch nicht so gemütlich, denn die kleinen Mücken haben es intensiv auf uns abgesehen.

Sibirien Tagebuch Tag 8

 

Sibirien Tagebuch Tag 8

Mittwoch, 13.07.2011

Von Nischni Nowgorod nach Kasan, die Hauptstadt von Tartastan

Die Altstadt von Nischni Nowgorod liegt auf dem hohen rechten Wolga-Ufer. Über der Stadt thront ein eindrucksvoller Kreml. Unter Kunstinteressierten wird Nischni Nowgorod als Architektur-Mekka Russlands bezeichnet. Das kommt daher, dass es hier ein besonders sehenswertes Ensemble aus einer prächtigen historischen Altstadt und einer Vielzahl architektonisch interessanter moderner Bauten gibt. So ist Nischni Nowgorod ein einzigartiges Prunkstück in Russland.
Der Nischni Nowgoroder Kreml aus dem frühen 16. Jhdt. ist das historische Zentrum der Stadt. Unterhalb des Kremls befindet sich ein Aussichtspunkt am Zusammenfluss der Oka und der Wolga.
In den 1930er Jahren wurde die in Gorki umbenannte Stadt eine so genannten „geschlossenen Stadt", die von Ausländern nicht besucht werden durfte. Der Grund waren die hier ansässigen, die Rüstungsbetriebe. Erst seit 1991 ist die Stadt wieder für Besucher geöffnet.
Unser Besuch fällt etwas kürzer aus, da wir bei der Abfahrt feststellen, dass ein hinterer Reifen platt ist. Schnell ist das Rad gewechselt und wir können weiter. Dieses Mal flicken wir nich selber, sondern werden eine der Reifenreparaturwekstätten nutzen, die zahlreich in den Orten und entlang der M7 zu finden sind. Vom Ort der Reifenpanne nehmen wir bis zum Kreml einen älteren Herrn in unserem Begleitbus mit. Er erzählt ein wenig über sein vergangenes Leben als Ingenieur und Raketenkonstrukteur und auch davon wie sich seiner Meinung nach das Leben gegenüber früher verschlechtert hat. Na ja. Es gibt auch andere Sichtweisen.
Die Fahrt auf der M7 ist eine Herausforderung. Nicht die Streckenführung an sich, aber der dichte Verkehr, vor allem Lastwagen. Wilde Überholmanöver, Spurrinnen und immer wieder Kreuzen mit Kunstblumen am Straßenrand.
Dann erreichen wir den Hauptplatz von Kasan vor dem Kreml. Großartig dieser Anblick. Und mitten im weißen Mauerkomplex die vor wenigen Jahren errichtete Hauptmoschee, Zeichen der neuen Wiedererstarkung der autonomen Teilrepublik Tartastan. Auf dem Weg zum Hotel spricht uns ein Motorradfahrer an. Wir verabreden für den Abend eine Stadtrundfahrt mit den Bikern. Für alle , die von uns mitfahren, wird ei eine interessante Fahrt durch das nächtliche Kasan mit immer wieder schönen Ausblichen und einem abschließenden Rundgang um den Kreml. DerGang ist aber zügig, da die Mücken wie wild stechen. 

Sibirien Tagebuch Tag 9

 

Sibirien Tagebuch Tag 9

Donnerstag, 14.07.2011

Von Kasan über Nabereschnyje Tschelny nach Ischewsk

Nachts gab es einen ziemlichen Wolkenbruch. Es kühlte mächtig ab, aber am Morgen ist alles vorbei. Wir verlassen Kasan und fahren ein letztes Mal am Kreml vorbei. Bedingt durch die Tageszeit ist der Anblick wieder ein ganz anderer. Es zieht sich eine Weile hin, bis wir aus der Stadt sind. Erstaunlich viele Polizeikontrollen gibt es hier, deutlich mehr als an den Tagen vorher. Auch versteckte Radargeräte sind wieder im Einsatz. Ähnlich wie auf der Strecke kurz vor Moskau, sind sie bevorzugt an Leitplanken versteckt. An einer lasse ich die Gruppe weiterfahren und warte auf Egon, der mit dem Bus hinterherfährt. Ich muss ihn warnen. An dieser Stelle wäre er mit Sicherheit in die Falle getappt. Üblicherweise steht dann ein Polizeiauto wenige Kilometer später mit einem Monitor und zieht die zu schnell gefahrenen aus dem Verkehr. Oder sie stehen in irgendwelchen Einfahrten und auf freier Strecke nach langen Gefällstrecken. Und die Zeit, die man dann verliert, steht in keinem Verhältnis zu der vermeintlich gewonnenen. Üblicherweise warnen sich die Autofahrer durch Lichtzeichen.
Die Landschaft wird wieder ländlicher, die Dörfer sind wieder weiter auseinander. Hier in den Dörfern sind neben den russisch-orthodoxen Kirchen auch Moscheen zu sehen. Tartastan ist islamisch geprägt. An einem Friedhof, der weit außerhalb eines Dorfes liegt, halten wir an, um ihn uns anzusehen. Die Gräber sind eingezäunt, die Grabsteine häufig mit einem Portrait des oder der Verstorbenen versehen. Gänse, Kühe, alles wird über die Straße getrieben. "Normalna", wie der Russe sagt. Dann geht vor uns ein Platzregen nieder. Wir erkunden uns an einer Tankstelle nach dem genauen Weg, der Abkürzung, die wir nehmen wollen, um nicht auf der Magistrale fahren zu müssen. Doch man rät uns dringend von der Strecke ab und so fahren wir in einem großen Bogen wieder auf die Hauptstraße zurück. Schließlich erreichen wir am Abend Ischewsk und werden vor dem Hotel von alten Bikerfreunden herzlich begrüßt.
Da es nun schon zu spät ist, verabreden wir uns für den nächsten Morgen zu einer gemeinsamen Stadtrundfahrt.

Sibirien Tagebuch Tag 10

 

Sibirien Tagebuch Tag 10

Freitag, 15.07.2011

Fahrt von Ischewsk nach Perm

Pünktlich um 9:00 Uhr warten schon zwei der Ischewsker Biker auf uns zu einer Rundtour durch diese wichtige Stahlstadt vor dem Ural. Beeindruckend ist die wieder aufgebaute Backsteinkirche. Das nahe gelegene Kalaschnikow-Museum, benannt nach dem Erfinder des berühmten russischen Maschinengewehrs, hat leider erst nach Mittag auf. Also ein anderes Mal. Dann fahren wir zu einem gemeinsamen Foto zur neuen Flusspromenade. Anschließend werden wir aus der Stadt geleitet und verabschiedet.
Nach wenigen Kilometern eine Umleitung, die sich gewaschen - in dem Fall „gestaubt" hat. Über eine ziemlich üble Piste, gut 15 km lang erreichen wir dann wieder die Trasse. Lastwagen an Lastwagen, Polizeikontrollen, immer wieder Kreuze an den Straßenrändern für die, die es nicht geschafft haben.
Das Wetter ist sehr heiß und zwischendurch bekommen wir den einen oder anderen Schauer.
Perm ist überraschend interessant, eindrucksvoll, was wir so auf einem kleinen Abendspaziergang gesehen haben. Gerade düsen wieder einige MIG Düsenjäger mit viel Lärm über uns hinweg. Dazwischen brodelt noch draußen das Leben und dabei ist es hier 1 Uhr morgens.

Sibirien Tagebuch Tag 11

 

Sibirien Tagebuch Tag 11

Samstag, 16.07.2011

Ab Perm Fahrt zum GULag Perm 36 bis Bingi

Heute ist die kurz vor dem Ural-Gebirge an der Kama gelegene Stadt Perm ein wichtiges Industriezentrum. Hier hat der Ölgigant Lukoil seinen Hauptsitz, hier werden Flugzeugturbinen gebaut, stark ist auch die Chemie- und die holzverarbeitende Industrie.
Dass Perm immer noch eine „große Unbekannte" ist, liegt daran, das es jahrzehntelang „geschlossene Stadt"war. Als Zentrum der sowjetischen Rüstungsindustrie war sie für Ausländer bis 1991 gesperrt.
Perm war bis vor wenigen Jahren die östlichste Millionenstadt Europas, wurde aber inzwischen von der baschkirischen Metropole Ufa überflügelt. In Perm leben heute fast eine Million Menschen. Die Stadt versteht sich als „Tor nach Asien". In der historischen Innenstadt sind einige Bauten aus dem 19. Jahrhundert erhalten, die einen guten Querschnitt durch verschiedene architektonische Stile darstellen. Ein markierter Rundweg führt zu diesen Gebäuden und Orten.

Auf unserem Weg aus der Stadt stoppen wir am so genannte „Schiwago-Haus", das in Wirklichkeit Gribuschin-Haus heißt und ein bizarres Beispiel einer lokalen Spielart des Jugendstils ist.
In Pasternaks berühmtem Roman gilt das himmelblau angestrichene Gebäude an der uliza Lenina 13 A als „Haus mit den Figuren".
Die Straße wird - bis auf einen kurzen Abschnitt - deutlich besser, als wir sie nach Kartenlage und Infos erwartet hatten. Durch eine schöne Landschaft, vorbei an kleinen Seen und zahlreichen Datschen erreichen wir bei KM 70 den Abzweiger zum Dorf Kutchino (120 km von Perm) biegen nach rechts ab und erreichen über eine Piste durch ein ziemlich verlassenes Dorf den GULag Perm 36.
Im Jahr 1994 eröffnete die russische Nichtregierungsorganisation „Perm-36" die Gedenkstätte zur Geschichte politischer Repressionen auf dem Gelände des ehemaligen Arbeitslagers. Das Museum ist das einzige erhaltene ehemalige Arbeitslager für politische Gefangene auf dem gesamten Territorium der ehemaligen Sowjetunion. Seitdem wird das Lager schrittweise wieder aufgebaut, weite Teile werden dabei von russischen und internationalen Freiwilligen in Sommercamps wieder errichtet. Auf dem ehemaligen Lagergelände ist heute eine der vier ehemaligen Häftlingsbaracken zu sehen, in denen bis zu 250 Häftlinge untergebracht waren. Ebenfalls erhalten ist das 1972 an Stelle einer Häftlingsbaracke errichtete Stabsgebäude, dort befinden sich wie von 1972 bis 1987 eine kleine Bibliothek und ein Kinosaal, Küche und Kantine, außerdem die Räume der Museumsverwaltung und Zimmer für Museumsmitarbeiter. Geplant ist, die Baracken zumindest teilweise wieder in ihren ursprünglichen Zustand zu versetzen, also ausgestattet mit Betten usw.. Dazu befindet sich in diesem Teil des Lagers die Kranken- und Sanitätsbaracke, ein Toilettenhaus mit 14 „Plätzen" für bis zu 1000 Gefangenen und der štrafnoj isoljator, der Isolationszellenblock.
Viele dieser Gebäude stammen noch aus der Zeit von 1946 bis 1952 und damit aus der Zeit Stalins. Im Arbeitsbereich des Lagers, in den man durch die wiedererrichtete Kontrollstation gelangt, die auch die Häftlinge passieren mussten und dort jedes Mal einer strengen Leibesvisitation unterzogen wurden, finden sich die Werkstätten des Lagers, eine Schmiede, ein Sägewerk, ein Kesselhaus, das das Lager, die nahe gelegenen Wohnhäuser und die Kasernen der Gefängniswärter beheizte und ein Turbinenhaus für die Sicherstellung der lagereigenen Elektrizitätsproduktion. Außerdem befindet sich in diesem Teil das Verwaltungsgebäude, in dem auch die Wachleute untergebracht waren.
Ziel des Museums ist es, das ehemalige Lager in seiner ursprünglichen Form als Zeitzeugnis zu erhalten und wieder in seinen ursprünglichen Zustand zu versetzen, historische Dokumente über die politischen Repressionen in der UdSSR zu suchen, zusammenzustellen und zu bewahren. Es will zum Geschichtsbewusstsein aufrufen, das die Gräueltaten des sowjetischen Systems nicht verdrängt und zur politischen Bildung beitragen. Die Gedenkstätte der Geschichte politischer Repressionen „Perm-36" ist das einzige Gulag-Museum auf dem gesamten Territorium der ehemaligen UdSSR, das sich auf dem Gelände eines ehemaligen Arbeitslagers befindet. Gegründet und geleitet wird das Museum von der russischen Nichtregie­rungsorganisation Perm-36. Das Lager Perm-36 existierte mehr als 40 Jahre. Wir haben Glück und der Leiter des Museums führt uns selber.
Zurück geht es zu Hauptstraße und dann weiter Richtung Jekaterinburg. Auf einer Anhöhe dann das weiße Denkmal, das die Grenze Asien/Europa symbolisiert.
Dann erreichen wir die Nord-Süd Trasse, die dem Ural in seiner Länge folgt. Kurz vor dem Abzweig nach Newjansk überholt und ein grüner VW-Bus mit Bremer Kennzeichen. Stefan und Micha haben uns erwartet und geleiten uns nach Bingi. Freudige Begrüßung vor Ort, Stefans Frau Olga, Lili und der Dorfpope erwarten uns am Hoftor, dazu noch eine Reihe Nachbarn. Wir stellen die Motorräder im Hof unter und bekommen einen Begrüßungsschluck.
Dann beziehen wir die Zimmer und Jurten, in denen wir für zwei Nächte untergebracht sind. Zur Erfrischung und zum Abkühlen springen wir in den Fluss, anschließend fahren Stefan und ich noch nach Newjansk, um frisches Bier zu holen. Gleich nach unserer Rückkehr gibt es ein leckeres Abendessen. Passend zum fröhlichen Abend auf der Terrasse geht rot und riesig der Vollmond auf.

Sibirien Tagebuch Tag 12

 

Sibirien Tagebuch Tag 12

Sonntag, 17.07.2011

Rund um Bingi

Den nächsten Tag lassen wir gemütlich angehen. Je nach Neigung wäscht sich der eine im Fluss, der andere geht dazu in die Banja. Dann frühstücken wir in Etappen, da einige die Zeit auch zu einem längeren Schläfchen nutzen. Stefan fährt los, um noch zwei Freundinnen zu holen, die heute gerne mit uns fahren wollen. Bevor wir starten können, müssen wir die beiden und auch Stefan noch mit Motorradbekleidung ausstatten. Kein Problem. Bei den Mädels ist es etwas zusammengesucht, Stefan bekommt meinen zweiten Rukkaanzug.
Zunächst fahren wir eine Runde durchs Dorf und stoppen an der Kirche. Der Vorplatz ist voll von Menschen mit ihren kleinen Kindern. Alle strömen in die Kirche, denn heute ist Tauftag. Wir sind mehr als willkommen.
Auf dem Weg nach Newjansk stoppen wir noch an einer Goldmine, von denen es einige im Bereich von Bingi gibt. Weiter zur Schnellstraße nach Jekaterinburg. Kurz davor zweigt, leicht zu übersehen, der Weg nach Ganina Jama ab. wörtlich Ganjas Grube. Früher befand sich hier eine Eisenerzgrube. An diesem Ort wurden die Überreste des letzten russischen Zaren und seine Familie verbrannt und verscharrt, nachdem sie im Ipatjew-Haus in Jekaterinburg in der Nacht vom 16. auf den 17. Juli 1918 von einem Erschießungskommando umgebracht worden waren. 1979 wurden die Überreste durch heimliche private Nachforschungen gefunden.
Heute ist am Ort der Verbrennung ein großes Kreuz errichtet. Im Jahre 2000 wurde in Ganina Jama das russisch-orthodoxe Männerkloster „Kloster der Heiligen Zarenmärtyrer" gegründet. Das Kloster ist ein einzigartiges Ensemble, das aus sieben Holzkirchen besteht und von den Mönchen in eigener Arbeit errichtet wurde. Das Holz dieser Kirchen wurde nur mit Axt und Säge bearbeitet. Die sieben Kirchen sind jeweils einem Mitglied der Zarenfamilie gewidmet.
Wieder haben wir Glück, die Anlage ist voll von Menschen, die zum Teil aus dem ganzen Land zusammen gekommen sind, um diesen Tag feierlich zu begehen. Heute ist der 17. Juli. Schon in der Nacht hatte es eine große Prozession gegeben. Auf dem Rückweg führt uns Stefan über eine Straße, die wieder Spaß macht - relativ guter Zustand und dazu Kurven, wie wir sie lange nicht erlebt haben.
Newjansk entstand 1701 mit der Errichtung des Eisenwerkes Newjanski Sawod, das schon bald zu den wichtigsten des Uralgebietes gehörte. Hauptsehenswürdigkeit ist der so genannte Schiefe Turm von Newjansk. 1725-40 ließ ihn die Unternehmerfamilie Demidow, der das Eisenwerk zu der Zeit gehörte, als Wachturm errichten. Die Achse des knapp 60 Meter hohen Turms weicht an der Spitze um ca. 2 Meter von der Vertikalen ab.
Zurück ist erst mal Putz-, Flick- und Inspektionsstunde angesagt. Dabei stellt Reinhard fest, dass sein Bremsschlauch ein Loch hat. Nun gut, hier können wir nichts machen, sondern werden versuchen, bei BMW in Nowosibirsk einen zu besorgen. Inzwischen wurde Schaschlik gegrillt und wir haben einen letzten schönen Abend zusammen. Zwischendurch hat Gerd noch die Möglichkeit, mit dem alten Uralgespann des Nachbarn durchs Dorf zu eiern.

Sibirien Tagebuch Tag 13

 

Sibirien Tagebuch Tag 13

Montag, 18.07.2011

Über Irbit nach Tjumen

Auf kleinen Straßen fahren wir nach Irbit. Stefan hatte Wort gehalten. In der Stadt wartete schon Sergej auf uns, ehemaliger russischer Gespannmeister und heute so etwas wie der Marketingmanager von Irbit. Durch ihn können wir auch ins Motorradmuseum, das üblicherweise montags geschlossen hat. Wir wollen gerade hinein, da fährt der Bürgermeister vor, um uns zu begrüßen. Gleichzeitig warten auf uns ein Reporter der örtlichen Zeitung und ein Fernsehteam von Rossia 1.
Das Museum ist für alle sehr interessant, anschließend klappt sogar noch eine Besichtigung im Uralwerk. 150 Leute sind hier nur noch beschäftigt. Gerade mal 1000 Motorräder werden nur noch auf Bestellung im Jahr „zusammengebastelt". Andrej ist dafür verantwortlich und zeigt uns den Produktionsablauf mit großer Begeisterung.
Dann geht es weiter nach Tjumen - kurz vorher holt uns noch ein heftiges Gewitter ein. Das Hotel in Tjumen ist nicht so schlecht, die Mädels an der Rezeption und im Restaurant ausgesprochen aufmerksam und freundlich, aber es kam schon die Bemerkung - wir wollen zu Stefan und Olga zurück. Von hier schicken wir eine Mail an BMW Deutschland mit der Bitte, uns zu benennen, wie wir ggf. an einen neuen Bremsschlauch kommen.

Sibirien Tagebuch Tag 14

 

Sibirien Tagebuch Tag 14

Dienstag, 19.07.2011

Fahrt von Tjumen nach Omsk

Ich bin extra etwas eher aufgestanden. Gleich haben wir den ersten von zwei langen Ritten - bis auf die Autotour zurück. Eben habe ich das Fenster aufgemacht, es war sehr stickig und heiß geworden. Aber dafür wurde es sofort lauter - der Straßenverkehr brandet herauf und durch das offene Fenster besuchen uns sofort die Mücken. Aber man kann nicht alles im Leben haben.
Nach dem Frühstück fahren wir durch das Westsibirische Tiefland in östliche Richtung nach Omsk. Sümpfe und ausgedehnte Nadelwälder, aufgelockert durch große Grasflächen mit Birkenansammlungen begleiten uns.
Ab Tjumen sind wir auf einer alten Heer- und Handelsstraße unterwegs, die quer durch Sibirien führte und bei Wladiwostok den Pazifischen Ozean erreichte, der Sibirische Trakt, der in Sibirien auch Moskauer Trakt genannt wird.
Im November 1689 gab es einen Erlass des russischen Zaren, in dem der Bau einer Straßenverbindung nach Sibirien gefordert wurde. Tatsächlich wurde der Bau jedoch erst über vierzig Jahre später begonnen und Mitte des 18. Jahrhunderts beendet. Noch heute folgen verschiedene Fernstraßen in Sibirien mehr oder weniger eng dem alten Verlauf dieser alten Fernstraße. Auch Ausfallstraßen aus größeren Städten tragen offiziell oder umgangssprachlich an diese Bezeichnung angelehnte Namen, z.B. „Moskauer Trakt" oder „Irkutsker Trakt". Die Gesamtentfernung von Tjumen bis Wladiwostok betrug auf dieser Route 7793 km.
Einige Streckenabschnitte der M51 sind in gutem Zustand, z.T. Aber auch ziemlich schlecht. Vor allem das Fahren mit dem Anhänger ist nicht ganz ohne, zumal der Verkehr wieder deutlich zugenommen hat. Unglaublich, was da so auf der Straße unterwegs ist. Gelegentlich ein merkwürdig knirschendes Geräusch, das wir aber schon bald orten. Auch jetzt im Sommer sind nicht wenige mit Spikesreifen unterwegs.

Sibirien Tagebuch Tag 15

 

Sibirien Tagebuch Tag 15

Mittwoch, 20.07.2011

Fahrt von Omsk nach Nowosibirsk

Heute bin ich um 3 Uhr morgens auf, um noch ein paar Zeilen zu schreiben und abzuschicken. Eine halbe Stunde später bekommen wir von der Etagenfrau ein kleines Frühstück. Um 4 Uhr sitzen Egon und ich dann im Auto, um die GT zur Tages-/Arbeitszeit nach Nowosibirsk zu bringen. Wir fahren in den aufgehenden Tag hinein. Um diese Zeit ist noch nicht so viel auf den Straßen los. Gut so. Zum Teil ist sie hervorragend. Aber mitunter werden wir gut durchgeschüttelt. Am frühen Nachmittag haben wir es geschafft. Wir sind in Nowosibirsk.

"Ihr Name war Natscha,
sie kam aus Nowosibirsk.
Wir tranken Wodka aus Flasche,
sie hätt` mich beinah erwürgt... "
[Marius Müller Westernhagen]

Immer wieder gehen mir diese Zeilen durch den Kopf, während wir über die gewaltige Brücke über den Ob in die Stadt hineinfahren. Dann haben wir unser Ziel erreicht, BMW. Schilder und Gebäude stehen, nur ist das Gebäude leer! Im benachbarten Hotel fragen wir nach der neuen Adresse, mit dem Ergebnis, dass wir wieder quer durch die Stadt müssen. Bei BMW angekommen, müssen wir feststellen, dass sie dort drei Autos im Showroom haben, ein paar langbeinige Mädels, die zumindest die Kompetenz hatten, uns einen Kaffee anzubieten und zu bringen. Aussage bei BMW: nächste Möglichkeit - vielleicht in Barnaul im Altai oder in Krasnojarsk, jeweils 800 km weiter. Aber man gibt uns zumindest die Adresse und Telefonnummer von einem Schrauber in der Stadt, der uns weiterhelfen könnte. Dazu spricht uns noch ein netter Herr an, der gerade seine BMW X6 von der Inspektion holt. Wenn wir einen Moment warten, würde er uns weiter helfen. Wladimir macht in Alkopops und Softdrinks. Wir fahren einige Kilometer hinter ihm her und halten bei seinem Büro. Es ist in einem quasi abgebrochenen Industrie-Bahngelände untergebracht. Kein Mensch bei uns würde da ein ordentliches Büro mit einer sehr kompetenten Sekretärin und allen notwendigen Büroutensilien vermuten. Wir bekommen einen Tee und Kekse. Während Wladimir telefoniert, sucht seine Sekretärin die Adresse des Schaubers im Internet heraus, legt ihm noch einige Schriftstücke zur Unterschrift vor und steckt ihm einen Zettel mit einigen Telefonnummern zu, die er abtelefonieren soll, während er uns zur angegebenen Adresse vorausfährt. Wir wollen gerade los, da bekomme ich einen Anruf von Uli. Seine Africa Twin würde immer wieder ausgehen und sehr unregelmäßig laufen. Sie wären noch ca. 400 km vor Nowosibirsk. Ich spreche ihnen Mut zu und verspreche, mich später wieder zu melden. Dann verlassen wir Wladimirs Büro. Etliche Kilometer weiter und nach einigem Suchen finden wir die Werkstatt in einem Garagentrakt an der Zuwegung zu einer riesigen Baustelle.
Dima und sein Freund Kostja, beide Anfang 30, erscheinen uns nach wenigen Worten sehr kompetent zu sein. Wir verabschieden uns von Wladimir, der zurück zu seinem Büro fährt. In dieser Garage scheint zwar eine Bombe eingeschlagen zu sein, aber bekanntlich überblicken Genies das Chaos. Dima will sich die Hinterradeinheit noch heute Nacht ansehen. Wenn es nur der Simmering sei, wäre es kein Problem. Wäre es mehr, würden sie sehen.... Ich drohte ihm noch die hintere Bremsleitung der F 650 GS an. Aber Dima winkte ab. Das sei eine Lachnummer. Auch um die Africa Twin würden sie sich kümmern. Dann meldet sich Uli wieder und berichtet von wechselhaftem Vorankommen. Ich verspreche ihm, mich bald auf den Weg zu mache, um ihn abzuholen.
Auf dem Weg zum Hotel fahren wir durch den Krasny Prospekt, die Hauptstraße von Nowosibirsk. Hier war das Büro von Sputnik, der ehemaligen sowjetischen Jugendreiseorganisation. Und hier arbeitete auch mein Freund Sergej, mit dem ich 1992 mit der BMW GS von Hamburg durch Sibirien nach Osaka gefahren bin. (Mehr dazu unter: Sibirien auf die harte Tour). Das Büro gibt es nicht mehr, versuchen wir später, ihn ausfindig zu machen.
Wir fahren zum Hotel und beginnen die Taschen auszuladen, als die ersten der Gruppe ankommen.
Dann fahre ich wieder los, um Uli abzuholen. Unterwegs sehe ich die noch fehlenden, sie aber mich nicht, denn sie schlängeln sich alle auf dem Standstreifen durch den Schotter an einem Stau vorbei. Sie waren deshalb so spät, weil sie bei der Ausfahrt aus Omsk nur dem Navi vertraut hatten und nicht auf die Beschilderung, der Karte und meinem vorangegangenen Hinweis. So waren sie auf der Trasse dar alten M51 unterwegs gewesen, die nach über 100 km in eine Sandpiste übergeht, die inzwischen - wo auch immer - hinführt. Diese Erfahrung hatten auch schon einige auf vorangegangenen Reisen machen müssen. So sind es dann halt ein paar hundert Kilometer mehr an dem Tag. Was soll ich dazu sagen?
150 km weiter kommen mir Uli und Ingo entgegen, ich gebe ihnen Zeichen, und sie stoppen. Nach kurzer Zeit haben wir die Honda auf dem Anhänger verladen und sind auf dem Weg ins Hotel. Dort werden wir freudig begrüßt. Ich liefere die beiden mit ihrem Gepäck ab und mache mich wieder auf dem Weg zu Dima in die Werkstatt. Reinhard hatte ich kurz verpasst. Er war schon da gewesen und hatte im Nu eine Stahlflexleitung für seine Bremse eingebaut bekommen. „"B.F. Goodrich will do", sagt Dima. Zurück im Hotel gibt es einen „Gute-Nacht-Schluck" und meine Jungs hatten mir sogar noch was vom Abendessen organisiert. Müde falle ich ins Bett.

Sibirien Tagebuch Tag 16

 

Sibirien Tagebuch Tag 16

Donnerstag, 21.07.2011

Nowosibirsk: Stadtrundfahrt, Ausflug Akademgorodok

Heute sind wir ohne Motorräder unterwegs - die Stadterkundung von Nowosibirsk und ein Ausflug nach Akademgorodok stehen an. Wir schlendern durch den Bahnhof, den schönsten der Transsib. Dann in das eindrucksvolle Eisenbahnmuseum. Anschließend starten wir unsere Stadtrundfahrt mit dem Bus, erst zum Ob, anschließend vorbei am geografischen Mittelpunkt Russlands, symbolisiert durch eine kleine Kirche am Krasny Prospekt.
Akademgorodok ist ein 1957 errichteter Stadtteil von Nowosibirsk. Die Wissenschaftlerstadt liegt etwa 20 km südlich des Zentrums von Nowosibirsk inmitten von Birken- und Pinienwäldern am Ufer des Ob-Stausees. Akademgorodok gilt als das wissenschaftliche Zentrum Sibiriens und ist der Sitz der Sibirischen Abteilung der Russischen Akademie der Wissenschaften.
Zur Spitzenzeit sowjetischer Forschung war der Nowosibirsker Stadtteil Heimat von 65.000 Wissenschaftlern und ihrer Familien und war eine privilegierte Zone der akademischen Elite mit deutlich besserer Versorgung als an allen anderen Orten des Landes. Insgesamt wohnten hier etwa 200.000 Menschen. Nach dem Zerfall der Sowjetunion begann auch der Niedergang von Akademgorodok, da viele Wissenschaftler die Institute Richtung Westeuropa oder USA verließen. Bis 1999 schrumpfte die Einwohnerzahl auf ca. 50.000. Das Städtchen genießt aber bis heute einen guten Ruf in Bereichen wie der Kernphysik und der Mikrobiologie. Des Weiteren haben sich im Umfeld der Universität im Laufe der Neunziger Jahre eine große Zahl von Softwarefirmen angesiedelt, die auf eine große Zahl gut ausgebildeter Mathematiker und Informatiker zurückgreifen können. So wurde, wohl vor allem im Westen und im Zuge der New Economy Euphorie in Anlehnung an Silicon Valley der Begriff „Silicon Taiga" geprägt. Wir besuchen mein Lieblingsmuseum vor Ort - das Geologische Museum. Margarita führt mit demselben Wortwitz wie vor 25 Jahren, als ich ihr das erste Mal zugehört hatte.

Zurück im Hotel lag eine Mail von BMW Russland vor, Antwort auf unsere Anfrage nach einem Bremsschlauch und die Möglichkeit ihn zu bekommen:

"Egon, I believe, someday every customer in every place of the world will have such possibilities. But sometimes emotions complicate the understanding of the real facts. Have you ever thought about the sizes of our country? It's 47 times larger than Germany! Believe me that this fact, customs processes reality and also the fact that we almost have no transport infrastructure after Ural mountains make some difficulties with your request concerning the delivery of the parts during 48 hours. But anyway be sure we are always in process of logistic optimization to meet the requires of our Customers!

Thank you for your feedback and take care!

Best regards,

BMW Group Russia
Danil Korovyakov
AS Manager Motorcycles
Russian Federation"

Nun ja. Dann kam ein Anruf von Dima. Die GS ist fertig. Stahlflexleitung von B.F Goodrich. Die anderen sind auch bald so weit. Reinhard und Egon machen sich auf den Weg.

Ein wenig später kommt mein alter Freund Sergej, die lokalen Buschtrommeln funktionieren doch. Wunderbar diese Wiedersehen. Aber ...
Sein Name war Sergej,
er kam aus Nowosibirsk.
Wir tranken Wodka nicht zu knapp aus Gläsern,
und haben das Ende des Abends gemeinsam nicht erlebt...

Pause -
so etwas nennt man hier „russische Polarnacht!" Hatte ich schon über 20 Jahre nicht mehr. Muss auch nicht mehr sein!

Sibirien Tagebuch Tag 17

 

Sibirien Tagebuch Tag 17

Freitag, 22.07.2011

Fahrt von Nowosibirsk nach Kemerowo

Am nächsten Morgen macht die Gruppe noch einen kleinen Rundgang, die bearbeiteten Motorräder werden abgeholt und dann macht sich die Gruppe auf den Weg nach Kemerowo.
Egon und ich müssen noch bleiben, der VW Bus ist noch in der Werkstatt. Eine gebrochen Feder wird durch verstärkte ersetzt, alle Stoßdämpfer müssen neu, einige Lager gewechselt werden. Die Arbeiten ziehen sich hin. Gute Gelegenheit, in der Werkstatt das Internet zu nutzen, letzte Texte zu schreiben und vor allem Bilder zu versenden. Am frühen Abend ist alles fertig, Zurück zum Hotel, die letzten Sachen eingepackt und dann fahren wir den anderen nach Kemerowo hinterher.

Endlos schien sich das Westsibirische Tiefland hinzuziehen. Erst nachdem wir den Ob ostwärts überquert haben, wird die Landschaft deutlich hügeliger. Aber wir erreichen das Mittelsibirische Bergland erst, wenn wir den Jenissei bei Krasnojarsk überquert haben.
Die M53 „Baikal", auf der wir nun unterwegs sind, führt von Nowosibirsk in östlicher Richtung über Krasnojarsk nach Irkutsk und ist 1831 Kilometer lang. Sie ist neben den Trassen M5, M51, M55, M58 Amur und M60 Teil der transkontinentalen Straßenverbindung von Moskau nach Wladiwostok und damit des AH6 im Asiatischen Fernstraßennetz.
Wichtigster Ort auf dem Weg und unser heutiges Etappenziel ist Kemerowo. Die Stadt liegt an der Tom und hat etwa 520.000 Einwohner. Kemerowo ist die Haupt­stadt der 1943 gegründeten Oblast Kemerowo, die die geografische Region des Kusnezker Kohlenbeckens, kurz Kusbass genannt, umfasst. Die Kohlenvorkommnisse des Kusnezker Beckens wurden bereits 1721 entdeckt und sind neben der Schwerindustrie, Aluminium-, Maschinenbau- und Chemiebetrieben der Wirtschaftsfaktor der Region.

Sibirien Tagebuch Tag 18

 

Sibirien Tagebuch Tag 18

Samstag, 23.07.2011

Von Kemerowo nach Krasnojarsk

Obwohl wir immer noch im Westsibirischen Tiefland unterwegs sind, ändert sich die Landschaft, sie wird zunehmend hügeliger. Unterwegs treffen wir Conrad aus Osnabrück, auch mit dem Motorrad auf Reisen. Er ist schon ein Jahr unterwegs und hatte gerade seinen Rucksack gegen die BMW, mit der er fährt eingetauscht. Der eigentliche Motorradbesitzer, ein Engländer, hatte nach diversen Stürzen in der Mongolei vom Motorradfahren so die Nase voll, dass er nur nach Hause wollte. Aber das Motorrad muss doch auch zurück, sonst gibt es Zollprobleme. Also kam dieser eher ungewöhnliche Tausch zustande und beide waren zufrieden.
Viele weitere neue Eindrücke erwarten uns auf der Strecke, z.T. gänzlich andere als in den Tagen zuvor. Wichtigster Ort auf dem Weg ist Atschinsk, unser heutiges Etappenziel ist Krasnojarsk. In der Stadt gibt es einiges zu entdecken. Zwar hat die Bau- und Zerstörungswut der sowjetischen Stadtplaner auch vor Krasnojarsk nicht Halt gemacht, aber im Zentrum sind einige ältere Gebäude der 1681 gegründeten Stadt erhalten geblieben.
Vor allem die alten Holzbauten im Stadtzentrum zeigen, wie gut die Handwerkskunst in Krasnojarsk vor über 100 Jahren schon entwickelt war. Ein Bauwerk der neueren Zeit, die kommunale Brücke über den Jenissei, ist sogar russlandweit ein beliebtes Motiv: Sie ist auf dem Zehn-Rubel-Schein abgebildet. Die Einwohner bezeichnen ihre Stadt stolz als geographischen Mittelpunkt Russlands. Tatsächlich ist es bis zum Westen in Kaliningrad etwa so weit wie zur russischen Fernost-Halbinsel Kamtschatka.
Grund zum Stolz hat Krasnojarsk noch aus anderem Grund. Die Region prosperiert. Trotz der Krise geht es den Menschen verhältnismäßig gut. Die reichen Rohstoffvorkommen haben erst den sagenhaften Aufstieg einiger Oligarchen sowie des aktuell reichsten Russen Michail Prochorow ermöglicht. Gouverneur Alexander Chloponin ist bei Norilsk durch Nickel reich geworden. Übrigens mehr aktuelle Infos zu Russland finden sich immer unter www.aktuell.ru
Viele Einwohner nutzen aber ihr eigenes Auto, am beliebtesten sind japanische Kleinwagen. Für Europäer, die nicht aus England kommen, ist der Anblick des Lenkrads auf der rechten Seite gewöhnungsbedürftig. Der Verkehr ist lebhaft, Fußgänger werden gern mit der Hupe von der Straße gejagt.
Der Jenissei, Sibiriens gewaltiger Strom fließt durch die Stadt. Auch im Winter friert der gewaltige sibirische Strom nicht zu - „wegen des vielen Drecks" - lästern die Krasnojarsker.
Der fast 4.100 km lange Strom wird auch als sibirischer Meridian bezeichnet, da er etwa in der Mitte von Sibirien entlang des 90. Längengrades von Süd nach Nord in die Karasee des Polarmeeres fließt. Er entsteht aus der Vereinigung seiner beiden Quellflüsse, des Großen und Kleinen Jenissei in Kysyl in der Republik Tuwa. Die beiden Zuflüsse entspringen im südsibirischen Ostsajan-Gebirge an der Grenze zur Mongolei bzw. in der Nordmongolei.

Sibirien Tagebuch Tag 19

 

Sibirien Tagebuch Tag 19

Sonntag, 24.07.2011

Fahrt von Krasnojarsk nach Taischet

Morgens machen wir noch einen Abstecher zum Krasnojarsker Stausee. Der See wird von einer Talsperre aufgestaut, die sich mit ihrem 6.000-Megawatt-Kraftwerk bei Diwnogorsk befindet, ca. 30 km westlich von Krasnojarsk. Der 2.130 km² große Stausee dient seit 1967 der Stromerzeugung für die industrielle Erschließung der Region und daneben dem Hochwasserschutz.
Als Folge des Staudammbaus wurden beim Aufstauen des Sees zwischen 1967 bis 1970 ca. 120.000 ha landwirtschaftlich genutzte Fläche und 13.750 Häuser in zahlreichen Ortschaften überflutet. Durch den Stausee hat sich das Klima in der Region verändert. Es ist feuchter und regenreicher geworden und es gibt nun mehr Nebel. Der Jenissei, der vor dem Dammbau nur an 196 Tagen im Jahr eisfrei war, ist dies nun auf einer Länge von mehr als 300 km unterhalb der Talsperre das ganze Jahr über. Vor dem Bau hatte man nur mit 20 km eisfreiem Flusslauf gerechnet. Der Stau­see selbst friert jedoch im Winter zu.
Das Krasnojarsker Schiffshebewerk ist das einzige Schiffshebewerk Russlands und bis zur Fertigstellung des Hebewerks am Drei-Schluchten-Damm in China das größte der Welt. Schiffe bis 1.500 t können darüber transportiert werden.
Nachdem wir den Jenissei bei Krasnojarsk überquert haben, erreichen wir die Ausläufer des Mit­telsibirischen Berglands. Recher Hand liegt das Ostsajan-Gebirge, das fast 3.000 m aufragt, wir sehen aber nur die Ausläufer.
An einer Tankstelle kommen wir mit Armeniern ins Gespräch, die dort eine Pause machen. Sie arbeiten im Straßenbau und sind völlig begeistert, als ich ihnen erzähle, dass ich schon in ihrer Heimat war und voraussichtlich im Herbst wieder da sein werde. Sie schimpfen auf ihre Arbeitsbedingungen und den schlechten Lohn -"kak Gulag" - wie im Arbeitslager. Aber von irgendwas müssen sie ihre Familien ernähren. Wir verabreden ein Treffen im Herbst in Jerewan. Mal sehen.
Dank des intensiven Straßenbaus ist die M53 recht gut zu befahren, nur bei Kansk ist sie so wie vor 20 Jahren. Höchste Konzentration ist angesagt.
Unser heutiges Etappenziel ist Taischet, ein wichtiger Eisenbahnknotenpunkt. Von hier zweigt die BAM ab, die Baikal-Amur-Magistrale. Sie führt nördlich des Baikalsees entlang, weit außerhalb des russisch-chinesischen Grenzgebietes.
In Taischet übernachten wir in einem Sanatorium für Bahnarbeiter. Eine interessante Erfahrung. Und eine mit Vorteilen. Abends sind noch Reparatur- und Pflegedienste bei den Motorändern angesagt, die Straßen fordern doch Tribute. Und als wir ein feines Instrument benötigen, um Öl in einen Kardan nachzufüllen, besorge ich von der Aufnahmekrankenschwester eine Spritze. Damit geht es erheblich leichter.

Sibirien Tagebuch Tag 20

 

Sibirien Tagebuch Tag 20

Montag, 25.07.2011

Fahrt von Taischet nach Tulun

Der heutige Abschnitt ist fahrtechnisch die bisher größte Herausforderung. Zahlreiche Baustellen, Piste, Sand, Schotter, nicht angekündigte frisch geteerte Abschnitte - es gibt einige Überraschungen. Inklusive diverser Umleitungen durch Baustellen sind es aber bisher nur etwa 70 km Piste, auch bei Ortsdurchfahrten. Ich hatte noch mehr erwartet. Bei einem Picknick am See regenerieren wir unsere Kräfte.
Dann Tulun, eine ordentliche Unterkunft. Abendessen und Frühstück im benachbarten Restaurant Peking. Das einzig chinesische an dem Restaurant ist aber nur der Name.

Sibirien Tagebuch Tag 21

 

Sibirien Tagebuch Tag 21

Dienstag, 26.07.2011 - angekommen

Von Tulun zum Baikalsee nach Listwjanka

Der folgende Streckenabschnitt ist weniger aufregend. Die Landschaft wird zunehmend ebener, mit der African Twin haben wir Probleme. Es wird auch nicht besser, als wir aus einem Tankwagen Benzin nachgefüllt bekommen. Immer wieder stockt sie, aber wir hangeln uns durch. Dann erreichen wir Irkutsk und holen unsere Bahnkarten für die Rückfahrt ab. Weiter geht es nach Listwjanka. Es ist deutlich zu spüren. Auf der Strecke von Irkutsk zum See fällt die Temperatur um über 10° C ab. Der Speicher des sibirischen Meeres macht sich bemerkbar. Großartig der Anblick. Allen geht es nahe, das Ziel unserer Reise erreicht zu haben.
In Listwjanka werden wir sehr herzlich von Andrej und seiner Frau Jana aufgenommen. Wir wurden schon vermisst und Andrej hatte mit meiner Kollegin Anya von Globetrotter schon gemailt. Ob sie wüsste, wo wir bleiben würden. Auch Harald, ein alter Bekannter, erwartet uns sehnsüchtig. Er war auf anderem Weg mit seiner BMW angereist und wollte nun mit uns den Rückweg antreten.
Wir fühlen uns in den Blockhaushütten gleich wie zu Hause und genießen den Abend bis spät in de Nacht.

Sibirien Tagebuch Tag 22-28

 

Sibirien Tagebuch Tag 22-28

Mittwoch, 27.07.2011 - Dienstag, 02.08.2011

Zusammenfassung:

Heute erkunden wir Listwjanka. Dann kommt der Lastwagen, um die Motorräder aufzunehmen. Wir verladen die Motorräder. Das ist aber ein Experiment, das den ganzen Tag in Anspruch nimmt. 14 Motorräder im Lastwagen und im Anhänger so zu verladen, dass sie die Fahrt nach Moskau auf diesen Straßen ohne Schaden überstehen. Abends sind wir endlich fertig, im wahrsten Sinne des Wortes. Dann machen sich Alexander und Wladimir mit dem Transporter auf den Weg nach Moskau. Egon und ich beschließen noch eine Nacht hier zu bleiben. Am nächsten Morgen starten wir dann auch auf die über 5600 km lange Reise. Alle anderen bleiben noch zwei weitere Tage da und fahren dann ab Irkutsk mit der Transsibirischen Eisenbahn nach Moskau.
Fünf Tage später treffe ich alle morgens viertel nach eins am Weißrussischen Bahnhof in Moskau. Ihre neugierigen Fragen nach dem Zustand der Motorräder kann ich noch nicht beantworten.
Am nächsten Tag haben wir für alle eine Stadtrundfahrt in Moskau organisiert. In der Zeit machen Egon und ich uns auf den Weg zur Spedition. Es ist gar nicht so leicht, durch das Moskauer Verkehrschaos zu kommen und die Spedition zu finden. Herzlich werden wir aufgenommen. Auch dort erwartet man die Fuhre mit großem Interesse. Dann rollt der Lastwagen auf den Hof. Mir fällt ein Stein vom Herzen. Alles ist heil, nichts hat sich losgerüttelt. Nur sind die Motorräder noch etwas staubiger als vorher. Im Nu sind die entladen und wir machen uns auf den Rückweg zum Hotel. Am nächsten Morgen fahren wir mit einem Kleinbus raus zu den Motorrädern. Sie hatten es uns nicht wirklich glauben wollen, dass alles in Ordnung sei. Aber wir hatten keinen Quatsch erzählt.
Schnell ist alles auf- und umgepackt und dann geht es auf den langen Ritt zur russisch-lettischen Grenze. Geschichten dazu später mehr.

Sibirien Tagebuch Tag 26

 

Sibirien Tagebuch Tag 26

Sonntag, 31.07.2011

Hier läuft alles soweit ganz gut. Egon und ich sind nach 5612 km Fahrt rund um die Uhr von Irkutsk nach 93 Stunden in Moskau angekommen, davon waren nachts ab 2:30 Uhr Ortszeit die letzten 150 km Stop and Go - alles Rückkehrer von den Datschen nach Moskau. Dazu für uns noch ein schlagartig geplatzter Reifen vorne rechts und Radwechsel am Rande der Schellstraße auf frisch gemachtem Bitumen. Man gönnt sich ja sonst nichts. Nun sind wir für einige Zeit bei meinem Freund Gisbert Mrozek von rufo.

Morgen sollen die Motorräder da sein und übermorgen früh alle Teilnehmer. Während die dann am Mittwoch ihre Stadtrundfahrt machen, fahren Egon und ich raus zur Spedition, um die Motorräder zu entladen und alles durchzuchecken. Über Gisbert haben wir den Transfer vom Hotel zur Spedition arrangiert und dann geht es in einem letzten langen Ritt nach Sebezh ins neue Hotel. Mal sehen, wie es dieses Mal an der Grenze nach Lettland wird. 

Sibirien Tagebuch Tag 30

 

Sibirien Tagebuch Tag 30

Donnerstag, 04.08.2011

Von Sebesch nach Sigulda

Gespannt fahren wir der Grenze entgegen. Vorbei an der endlosen Schlange der wartenden Lastwagen - mehr als 8 km! Auch an den PKW ziehen wir vorbei nach vorne und erhalten nach kurzer Verhandlung die Genehmigung, als nächste abgefertigt zu werden. Keine drei Stunden dauert es und wir sind in Lettland unterwegs. Mir fällt ein Stein vom Herzen und ich habe die Wette mit Stefan gewonnen.
Picknick an einem schönen Platz, eine Kaffeepause, dann sind wir in Sigulda, im Herzen der Lettischen Schweiz. Eine kleine abendliche Rundtour für alle, die vom Motorradfahren noch nicht die Nase voll haben. Ein letzter gemeinsamer Abend. Ein paar Trinksprüche und viele nette Worte, über das, was wir zustande gebracht haben.
Morgen geht es zur Fähre nach Klaipeda und nach Hause. Mit Ingo bleibe ich noch dort, um die Teilnehmer der Baltikumrundreise zu erwarten. Dann gibt es noch Gelegenheit zu einigen Schlussgedanken.

Sibirien Tagebuch Tag 31

 

Sibirien Tagebuch Tag 31

Freitag, 05.08.2011

Von Sigulda zur Fähre nach Klaipeda

Statt, wie ursprünglich vorgesehen, die lettische Hauptstadt Riga zu umfahren, fahren wir doch hinein. Ich zeige ein paar Streiflichter: das Jugendstilviertel um die Albertstraße, ein Ausblick auf die hanseatische Altstadt, die Dünabrücken. Weiter geht es südwärts, auf kleinen Straßen durch Kurland erreichen wir Klaipeda/Memel in Litauen. Ein kleiner Rundgang, ein letztes gemeinsames Abendessen. Dann fahren wir hinaus zum Fährterminal. Kurz vor der Einfahrt ein großes Gedrängel mit diversen aufgemotzten Autos - Freitagnacht ist Cruising angesagt und diverse Machospiele, Burn-out, Funkenflug durch Drehen von Donuts auf der Felge. Was man denn so braucht, um zu imponieren. Alle befestigen ihr Gepäck an den Motorrädern, denn der Begleitbus, Ingo Dihlmann und ich bleiben hier in Klaipeda zurück, um die nächste Tour in dieser Region zu fahren - unsere Rundreise durch das Baltikum. Ein letztes Drücken, dann entschwinden alle jenseits der Schranke auf dem Weg zur Fähre. Ingo und ich fahren zurück in die Stadt - zwei Tage Ruhe, bevor es weitergeht mit der Baltikum Reise.

 

Route der Sibirien Tour 2011

 

Durch Sibirien zum Baikalsee auf einer größeren Karte anzeigen
 

Die Reiseroute führt ab Kiel Richtung Osten. Vom Baikalsee geht es mit der Transsibirischen Eisenbahn nach Moskau und von dort wieder zurück zur Fähre nach Klaipeda.

 

Aktuelle Presse zur MOTTOUREN Sibirientour

PR_Mottouren_Sibirien_Teil-5.pdf

Bericht im Pinneberger Tageblatt 13.08.2011

PR_Grieschat_Sibirien_4.pdf

Bericht im Pinneberger Tageblatt 06.08.2011

PR_Grieschat_Sibirien_3.pdf

Bericht im Pinneberger Tageblatt 30.07.2011

PR_Grieschat_Sibirien_2.pdf

Bericht im Pinneberger Tageblatt 23.07.2011

PR_Mottouren_Sibirien.pdf

Bericht im Pinneberger Tageblatt 07.07.2011

Logo_Fuss_GlobeTours_4c_05.giflogo_globe_reisebuero.gifglobe_ausruester.giflogo_bikersprofi.jpglerito_logo.jpg