Zur Hölle und zurück

  • Island
  • Island
  • Island
  • Island
  • Island
  • Island
  • Island
  • Island
  • Island
  • Island
  • Island
  • Island
  • Island
  • Island
  • Island

Island als Insel der Kontraste fasziniert seine Besucher

Schon Jules Verne wusste es, wer zum Mittelpunkt der Erde reisen will, muss nach Island kommen. Nirgendwo sonst ist die Erdkruste jünger und durchlässiger. Unter Thingvellir, einem der bedeutendsten Orte Islands kocht und brodelt die Erde. Hier, wo vor mehr als tausend Jahren das erste Parlament Europas tagte, ist das Ende Europas, beginnt Amerika. Die Spalte vor meinen Füßen trennt den europäischen vom amerikanischen Kontinent. Ununterbrochen rücken die Felswände des Canyons weiter voneinander fort: jedes Jahr zwei Zentimeter. Eine Reise nach Island ist eine Reise zurück ins Atelier der Schöpfungsgeschichte.
Urgewalten haben Island geprägt, die Stürme des Atlantiks seine Küsten zernagt. Über Felswände stürzen gewaltige Wasserfälle hinab - die Schmelzflüsse der Gletscher. Der größte unter ihnen, der Vatnajökull im Südosten Islands, bedeckt elf Prozent der gesamten Inselfläche. Ein riesiger Eisblock wie auf einem Grill, denn unter dem Eispanzer kocht es. Wissenschaftler haben auf Island mehr als 200 Vulkane gezählt. Seit der ersten Besiedlung der Insel vor 1100 Jahren wurden rund 200 Ausbrüche gezählt, im Schnitt alle fünf Jahre einer.

Es ist dieses prickelnde Gefühl, der Schöpfung so nahe zu sein, das mich immer wieder auf die Insel im Nordatlantik zieht. Und das Motorradfahren. Zwar kann man Island bequem in einer Woche auf der weitestgehend geteerten Ringstraße umrunden, doch die schönsten Stellen sind nur über Pisten zu erreichen, die das Herz eines jeden Endurofahrers höher schlagen lassen.
Land, Leute und Natur pur in kleiner Gruppe erleben und er-fahren: Tolle Touren auf Hochlandpisten, mit Furten, Sand- und Schotterpassagen, die richtige Herausforderung, um das eigene Motorrad „artgerecht" zu bewegen. Selbst für Fahrer mit wenig Geländeerfahrung bieten sich genügend „machbare" Abenteuer. Auf Island unterwegs zu sein heißt, Begegnungen mit Geschichte und Natur pur: Gletscher und Vulkane, bizarre Lavaskulpturen am Myvatn, dem "Mückensee" und die heißen Quellen bei Haukadalur, denen alle vulkanischen Springbrunnen der Welt ihren Namen verdanken - Geysire.
Kilometerweit ist der Schwefelgestank zu riechen. Dann stehen wir in einem Tal, in dem zischend und fauchend zahllose Rauchsäulen in den Himmel steigen. Es sind die Solfataren, eine Teufelsküche mit unzähligen vulkanischen Schlammtrichtern, in denen es gurgelt und brodelt. Schwefelgelber Brei bildet dicke Blasen, die mit dumpfem Knall zerplatzen. Aber die Isländer fürchten den Feuerzauber nicht, sie haben gelernt, damit zu leben, nutzen die unterirdische Energie für sich. Mitten im Lavagebiet ist ein Kraftwerk entstanden, das den ganzen Norden der Insel mit Strom und heißem Wasser versorgt. „Hier werden sogar die Kirchen aus der Hölle beheizt", scherzt die junge Frau an der Rezeption unseres Campingplatzes.
Island ist ein Wechsel von blühenden Wiesen und endlosen Lavaflächen, die noch kein Leben kennen. Von Städten mit bunten Häusern und Landschaftsformen im Urzustand, die einen erschauern lassen, als sei man allein auf dem Mond. Merkwürdig ist hier so manches. "Watch out for the Elves", warnt ein Schild. „Achtung, Elfen!" Hafnarfjörður, ein Hafenstädtchen unweit von Reykjavík, gilt als Islands Elfenhauptstadt. Auf dem Schild lehnt ein schelmisch grinsender Zwerg an einem Stein. In Islands drittgrößter Stadt scheint es auch den kleinen Wesen gut zu gehen, denn hier soll nämlich die größte und vielfältigste Population von Elfen, Gnomen, Trollen und dem so genannten „Huldufólk", dem „Verborgenen Volk", auf der Insel leben. Sogar die Elfenkönigin habe sich hier niedergelassen. Die Wesen aus der anderen Dimension hausen überall, in den Vorgärten der Häuser, zwischen den schwarzen Steinbrocken und im Höhlengarten Hellisgerði, einem alten Lavafeld mit einer versteckt liegenden Grotte. Auch im Landesinneren treffen wir immer wieder auf merkwürdige Steinkombinationen. Aus unserer Sicht mag das merkwürdig anmuten, auf Island ist das normal. Hier gibt es sogar eine der Regierung zugeordnete Elfenbeauftragte. Elfentouren werden für Interessierte angeboten.
Merkwürdig und wechselhaft wie vieles auf Island ist auch das Wetter. Hat eben noch die Sonne geschienen, jagt wenige Minuten später ein heftiger Nordwestwind graue Regenschauer waagerecht über die Landschaft vor uns. „Manchmal ist das gute Wetter gerade da, wo man nicht ist", spottet der rotblonde Wikinger an der Tankstelle. "Du musst nur ein paar Minuten warten. Nichts ist so stetig wie der Wandel!" Wir fahren weiter - kein Problem mit guter Bekleidung. Außerdem spricht hier niemand - wie bei uns - vom Islandtief. Für die Isländer ist es das Grönlandtief.

Eigentlich wollen wir nur einen kleinen Ausflug zur Askia machen. Aber ganz plötzlich bekommen wir Islands Naturgewalten zu spüren. Erst ist es nur eine kleine schwarze Staubsäule am Horizont, die drohend zwischen den Vulkanen Askja und Herdubreid in den Himmel ragt. Dann bläht sie sich auf zu einem breiten, unüberwindlichen Sandgebirge, verfinstert den Himmel und kommt rasend schnell auf uns zu. Wir schaffen es gerade noch in voller Montur in die Zelte zu springen und die Kameras in Plastiktüten zu stopfen, dann verschwindet alles in einer dunklen Staubwolke. Milliarden von Sandkörnern prasseln auf die Zeltleinwand, Staub dringt durch alle Ritzen und hinterlässt einen graubraunen Film. Doch genauso schnell, wie er gekommen war, ist der Spuk auch verschwunden. Das Heulen in der Luft erstirbt. Als wir aus dem Zelt krabbeln, sind in der Ferne nur noch ein paar kleine Staubschleier zu sehen. „Wüste der Missetäter" nennen die Einwohner Islands dieses Lavafeld. Von Mythen umwoben, seit sich hier im Mittelalter viele Geächtete vor ihren Verfolgern versteckten.
Die Straße zurück nach Egilsstadir führt durch endlose schwarze Schotter- und Sandflächen, durchzogen von den Mäanderbändern unzähliger Gletscherflüsse, die Steine und Geröll vor sich herschieben. Jenseits eines kleinen Baches, nahe am Seeufer, machen uns einige geparkte Autos neugierig. Ein paar Isländer kommen gerade von einem grassodenbedeckten Haus jenseits des Baches wieder. „Hier kannst du die besten Pfannkuchen Islands essen", antwortet Eythor auf meine Frage nach der Besonderheit dieses Ortes. Er hat Recht. Diese Pfannkuchen sind nicht nur hervorragend, sondern auch noch so zahlreich, dass wir sie beim besten Willen nicht schaffen. Das Ganze wird noch getoppt von einem Kakao, wie ich ihn in der Qualität seit Jahren nicht mehr getrunken habe. Mit runden Bäuchen staken wir zu den Motorrädern zurück. Wie gut, dass wir noch eine Strecke im Stehen auf der Piste weiter fahren müssen. So haben die Pfannkuchen Gelegenheit, sich zu setzen. Dann sind wir wieder zurück auf der Ringstraße.
Ein paar Kilometer noch bis Egilsstadir und damit hat uns die Zivilisation endgültig wieder. Ein letzter Bergrücken, ein paar Wasserfälle neben der Straße und wir sind wieder am Fährhafen Seydisfjördur. Vom Anleger aus sehen wir uns das Einlaufmanöver der MS „Norröna" der Smyril-Line an. Dann reihen wir uns in die Fahrzeugschlange ein, warten auf das Einschiffen und sind bald danach an Bord. Es war wieder eine schöne Zeit. Trotz der vier Wochen eigentlich zu kurz. Aber eins ist sicher. Island, wir kommen wieder!

Jürgen „Juri" Grieschat

zur Fotogalerie Island weiter zur Fotogalerie Island

Logo_Fuss_GlobeTours_4c_05.giflogo_globe_reisebuero.gifglobe_ausruester.giflogo_bikersprofi.jpg