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Baltikum

Jürgen hat wieder viele tolle Bilder auf Reisen gemacht von Bikes, Bikern und den Begegnungen unterwegs.

 

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Jürgen berichtet von unterwegs aus dem Baltikum

Baltische Impressionen
14 Tage Rundreise durch Litauen, Lettland und Estland

Überwiegend abseits bekannter Routen sind wir auf diese Reise in den drei baltischen Staaten Litauen, Lettland und Estland unterwegs. Die Fahrt geht durch Großstädte, einige davon die bedeutendsten ihrer Länder, in die jeweils sehr unterschiedlichen Hauptstädte, durch kleine Landstädte, zu alten Herrensitzen und Ordensburgen, durch bunte Mischwälder und weite, hügelige Wiesen, über kopfsteingepflasterte Alleen und vorbei an Seen und Flüssen. Unterwegs gibt es viele Möglichkeiten, Begegnungen mit der Natur zu suchen, Gastfreundschaft sowie persönliche Atmosphäre kennen zu lernen und Geschichte pur zu erleben.

1. und 2. Tag - So. 07. 08., Mo. 08.08.: Klaipeda und Liepaja
Um 22:30 Uhr ist Fährankunft im Hafen von Klaipeda. Aber es dauert noch eine gute Stunde, bis die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Reise durch das Baltikum den letzten Kontrollposten hinter sich gebracht hatten. Die Motorräder waren dieses Mal unten im Schiff untergebracht und so kamen sie als letzte von Bord.
Die Begrüßung fiel nur kurz aus. Wir wollten schnell zum Hotel, denn man hatte uns versprochen, auf uns zu warten, obwohl die Küche offiziell um 23:00 Uhr schließt. Kurz nach 24:00 Uhr sind wir im Restaurant und bekommen noch unser Abendessen und noch das eine oder andere Bier.
Am nächsten Morgen starten wir unser Tour. Aus gegebenem Anlass aber nicht wie üblich im Rhythmus 7-8-9, sondern erst um 10 Uhr, zumal diese Tagesetappe auch nicht lang ist.

Wir fahren an der Küste entlang nach Palanga, Litauens beliebtester Bade- und Kurort. Klima und Natur; aber auch Moskauer Urlaubsplanung haben früher alljährlich eine halbe Million Feriengäste in die grüne Stadt an der Raze geführt. Jetzt hofft man auf westliche Touristen. Wollen wir ihnen mit unserem Erscheinen Auftrieb verleihen. Hauptziel ist das Bernsteinmuseum. Mitten in einem schönen Park liegt das Ende des 19. Jhs. erbaute Schloss des Grafen F. Tyszkiewicz, der auch den Park anlegen ließ. Hier wurde 1963 das Bernsteinmuseum eröffnet, die eigentliche Attraktion von Palanga. Es besitzt 25.000 Exponate, 4.500 davon sind in 15 Sälen thematisch ausgestellt. Sie erzählen von der Entstehung des Sonnensteins und seiner Bedeutung für die Kulturgeschichte. Die Sammlung enthält 70 Stücke Rohbernstein - das größte wiegt 3.698 Gramm - und 15.000 Inklusen. Die wertvollsten Einschlüsse, Tausendfüßler, Spinnentiere und Ameisen, sind ausgestellt. In Palanga gab es seit dem 17. Jahrhundert Bernsteinwerkstätten. Die Verarbeitung ist mittlerweile ins Daile-Kombinat nach Klaipeda verlagert worden. Montags sind üblicherweise alle Museen geschlossen. So auch hier. Aber wir haben noch einen anderen Grund hierher zu kommen. Uwe hat ein Foto mitgebracht, dass seinen Vater als Zehnjährigen mit der Familie vor der Skulptur im Garten zeigt, 65 Jahre zurück. Wir stellen das Bild nach. Ein kurzer Gang zum Ostseestrand. Es ist schon schön hier.

Ein paar Kilometer weiter lohnt sich in Kretinga ein Stopp am Herrenhaus mit seinem sehenswerten Wintergarten. Nicht unbedingt wegen des Herrenhauses, denn dort ist ein Museum und eine landwirtschaftliche Schule untergebracht, aber wegen des Cafés „Pas grafa" - „Zum Grafen" in dem eindrucksvollen Wintergarten.

Dann fahren wir auf kleinen Straßen weiter nach Liepaja. Neben der großen Hafenanlage ist die Altstadt mit zahlreichen Häusern im Jugendstil und Neo-Klassizismus sehenswert. Besonders bekannt ist die Dreifaltigkeitskirche, deren Orgel bis 1912 die größte der Welt war. Als ehemals größter Marinestützpunkt der russischen Armee war Liepaja lange Zeit für Ausländer geschlossen. Die 100.000 Einwohner zählende Stadt liegt zwischen der Ostsee und den Seen Liepaja und Tosmare. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts wurde der Hafen auf Befahl des Zaren erweitert, so dass sich Liepaja zu einem der wichtigsten Umschlagplätze des russischen Reichs entwickelte, der zudem noch weitestgehend eisfrei war, im Gegensatz zu St. Petersburg. Später wurde nördlich des Zentrums der Kriegshafen Karosta samt wuchtiger Befestigungsanlagen errichtet. Dort sind wir mit Chris verabredet. Der junge Lehrer deutscher Abstammung, den ich schon seit einigen Jahren kenne, führt uns durch das Gefängnismuseum Karosta. 1900 erbaut, diente es bis 1997 als Strafvollzugsanstalt für Militärpersonen. Ein düsterer Ort der Unterdrückung. Hier wurden Menschenschicksale gebrochen. Revolutionäre, Matrosen und Unteroffiziere der Zarenarmee waren hier eingesperrt, Deserteure der deutschen Wehrmacht, Volksfeinde der Stalinzeit, Soldaten der Sowjetarmee und der Armee Lettlands und andere Ungehorsame.
Wärtergebrüll, Strafappelle und finstere Zellen, in denen die Luft nach Angst und Schimmel riecht: Wir können sowjetischen Militärknastalltag so lebensecht nachempfinden, dass wir froh sind, als der Spuk nach zwei Stunden vorbei ist.

 

3. und 4. Tag - Di. 09. 08., Mi. 10.08.: Kurland und Riga
Kuldiga, die Partnerstadt von Geesthacht, liegt in Kurland, im Westen Lettlands, rund 30 Kilometer von der Ostsee entfernt. Dennoch wurde die Stadt 1368 Mitglied der Hanse und nimmt heute aktiv am Hansetag der Neuzeit teil. Der Grund hierfür ist die Venta, ein nach damaligen Maßstäben ausreichend schiffbarer Fluss, über den der Handel und damit der Anschluss der heute ca. 13.000 Einwohner zählenden Stadt an die „große weite Welt" vollzogen wurden. In der Blütezeit des Herzogtums Kurland unter Herzog Jacob wurde in Kuldîga sogar Schiffbau betrieben.
Der Stolz von Kuldîga ist der Wasserfall Ventas rumba, der mit 240 m breiteste natürliche Wasserfall in Europa. In seiner Nähe befindet sich die zweite der Sehenswürdigkeiten Kuldîgas, die 1874 erbaute Ziegelbrücke über die Venta, eine der längsten Ziegelbrücken in Europa.
Ein paar Orte weiter, in Sabile, ist der nördlichste Weinberg der Welt zu bewundern und die vielen Puppen, die Lili in ihrem Garten aufgestellt hat.

Kalnamuiža oder Berghof ist eine wieder entstandene Perle Kurlands im Stil des Neo-Rokoko. Hier ist die Zeit mit Eleganz zum Stehen gebracht worden, flimmernde Kerzenhalter, Glasgemälde, Säulen, prunkvolle Holzschnitzereien, Dachbemalungen und Deckengemälde. Ein schöner Ort zum übernachten. Das Landgut eines kurländischen Gutsbesitzers, Jagdresidenz des Barons von Medem, enthält noch die Grundschule von Sieksate, das Lehrzentrum und den Erholungsort des Milchunternehmens Liepaja und das Museum für Milchindustrie.
Am nächsten Tag stoppen wir auf dem Weg nach Riga am Schloss von Jelgava, gebaut für Ernst Johann Biron, einen Liebhaber der Zarin Anna Iwanowna. Kaum zum Herzog von Kurland ernannt, ließ er sich ab 1738 auf den Wällen der alten Ordensburg eine fürstliche Residenz errichten. Mit dem Entwurf beauftragte er Bartolomeo Francesco Rastrelli, den St. Petersburger Hofarchitekten, einen der größten der damaligen Baumeisterzunft.
Am Nachmittag gehen wir dann mit Agnes durch Riga. Riga liegt an der Mündung der Daugava / Düna und ist mit 940.000 Einwohnern die größte Stadt im gesamten Baltikum. Riga war lange Zeit ein wichtiges Mitglied der Hanse und Zentrum des Deutschen Ordens im Baltikum. Alleen mit Häusern aus der Zeit des Jugendstils, mehr als 140 Garten- und Parkanlagen, zahlreiche Denkmäler, ca. 50 Museen, Märkte, Straßenmusikanten und eine Vielzahl an Kultur und Geschichte haben der lettischen Hauptstadt den Namen „Paris des Nordens" eingebracht. Nach dem Stadtrundgang bietet der Domplatz einen idealen Ort zur Stärkung in einem der Cafés.

 

5. und 6. Tag - Do. 11. 08., Fr. 12.08.: Über Salaspils und den Gauja Nat. Park nach Pärnu und Tallinn Salaspils, ein wenig außerhalb von Riga, war das größte Konzentrationslager im Baltikum.
Weiter geht es durch Sigulda und den Gauja National Park zur Ostsee. Unweit der Küste berichtet das Museum von Dunte von der Zeit, als Münchhausen hier als Soldat in russischen Diensten war. Wir fahren nordwärts entlang endloser und einsamer Strände zur lettisch - estnischen Grenze. Dann erreichen wir die alte Hansestadt Pärnu. Die über 700 Jahre alte Stadt, die auch Mitglied der Hanse war, liegt am gleichnamigen Fluss und an der gleichnamigen Bucht. 18 Parkanlagen und 35 km Alleen garantieren eine angenehme Verschnaufpause, besonders mein Lieblingshotel der Region, die Jugendstilvilla Ammende. Nach einem sehr schönen Stadtrundgang werden wir mit einem großartigen Abendessen verwöhnt und erleben hier - wie so oft zuvor - wieder ein Konzert, dieses Mal mit dem estnischen Gitarristen und Sänger Bonzo.
Der nächste Tag bringt uns durch einsame Gegenden nach Haapsalu. Die Attraktion der Stadt sind die Ruinen der 1265 errichteten Bischofsburg mit ihren gewaltigen Mauern und die Domkirche. Die größte einschiffige Kathedrale im Baltikum ist komplett erhalten. Im August sind bei Vollmondlicht im Fenster der Taufkapelle angeblich die Umrisse einer Frau zu sehen. Die Legende von der „Weißen Dame" beflügelt die Phantasie der Betrachter und den Tourismus, genau an dem Wochenende sind wir da und der sonst noch ruhigere Ort ist voller Leben.
Der Kursaal ist ein schön renovierter, verzierter Holzsaal aus dem Jahr 1898, der heute ein Restaurant beherbergt, unmittelbar an der See gelegen und von einem Meer aus Rosen umgeben.
Die Stadt ist berühmt für ihren mit 214 Metern längsten überdachten Bahnsteig in ganz Europa. Der Bahnhof wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts gebaut, um die russische Zarenfamilie würdig zu empfangen. Doch dann kam die Revolution von 1905, sodass die Herrscher den fertigen Bau nie zu sehen bekamen. Der so genannte Zarenbahnhof dient heute als Denkmal und Museum, weil die Eisenbahnlinie nach Haapsalu inzwischen eingestellt worden ist.
Weiter geht es nach Tallinn. Dort machen wir nach dem Einchecken einen ersten Spaziergang. Ausführlicher machen wir das noch am folgenden Morgen und haben dabei sogar die Gelegenheit, das berühmte Bild "Der Totentanz" von Notke in der Nikolaikirche zu sehen. Ansonsten ist hier der Bär los. Unglaublich viele Gruppen strömen durch die Stadt, mehrere Keuzfahrtschiffe liegen im Hafen, u.a. eine Aida, denn gemeinsam mit der finnischen Hafenstadt Turku ist Tallinn Kulturhauptstadt Europas 2011.
 

7. und 8. Tag - - Sa. 13. 08., So. 14.08.: Weiter nach Kohala und Rundreise im Lahemaa-Nationalpark
Wir sind froh, als wir wieder auf den Motorrädern sitzen und weiter nach Osten fahren. Nach einem kleinen Abstecher zum ehemaligen Olympiahafen von Tallinn erreichen wir die 1 Richtung Narva. Gewaltige Baumaßnahmen mit EU-Unterstützung sind hier im Gange. So schnell wie möglich verlassen wir diese neue Autobahn und biegen zum Wasserfall von Jägala ab. Dieser Wasserfall ist mit 7,2 m der größte in Estland. Nach den Regenfällen der letzten Tage, von denen wir glücklicherweise fast nichts abbekommen haben, ist er mächtiger als bei meinem Besuch im letzten Jahr. Jahrhundertelang hat das Wasser den Kalkstein poliert und als Resultat ist ein 12-14 m tiefes und 300 m langes Tal entstanden, hier eher unerwartet und schon eindrucksvoll.
36 km östlich von Tallinn steht nördlich der Landstraße Tallinn - Narva - St. Petersburg der befestigte Wohnturm von Kiiu. Gebaut im Jahre 1517, dient er jetzt als Café und ist durch den Eierlikör Kiiu Torn bekannt. Gute Gelegenheit für einen Stopp - den Likör nehmen wir für eine spätere Gelegenheit mit. Dann erreichen wir den Lahemaa-Nationalpark und das Viru-Hochmoor.
In Estland gibt es einige tausend Moore. Fast ein Fünftel der Fläche bilden unterschiedliche Feuchtgebiete. Das 150 ha große Hochmoor Viru ist eines der kleinsten, aber über einen Bohlenweg leicht zu erreichen. Entwicklungsgeschichtlich handelt es sich um einen vor etwa 5.000 Jahren verlandeten See. Man kann mehrere Tümpel sehen, deren braune Färbung aus den Überresten des Humus und pflanzlicher Biomasse herrührt. Der Mineralstoffgehalt im Wasser ist ausgesprochen gering - das kann man schmecken. In den größeren Mooraugen gibt es manchmal auch kleine Inseln. Wir sehen Sonnentau und andere typische Moorpflanzen. In der Mitte des Knüppeldammes steht ein Aussichtsturm, von dem man weit über die karge Moorlandschaft sehen kann.
Schließlich erreichen wir das Herrenhaus von Kohala, unserem Quartier für die nächsten beiden Tage und werden herzlich von Mikka und Karin, den Hausherren begrüßt. Es wird wieder ein wunderbarer Abend.

Am nächsten Tag machen wir eine Rundfahrt durch den Lahemaa-Nationalpark, halten in Vihula, Sagadi und Palmse, den bekanntesten Herrensitzen. Im Gasthof von Altja wollen wir eine Mittagspause einlegen, aber kurz vor uns ist ein Globetrotter Bus gekommen. Die Gäste haben eben ihre Bestellung aufgegeben, so klöne ich nur mit dem Busfahrerkollegen und wir fahren weiter nach Käsmu, in der Hoffnung, dass dort etwas weniger Andrang ist. Weit gefehlt. In Käsmu findet das Viru Folk Festival statt, Massen von Menschen sind hier unterwegs, zumindest für estnische Verhältnisse! Na gut, dann nehmen wir eben daran teil.

Das Beeindruckende an Estlands Landschaft ist, dass sie kaum etwas Beeindruckendes hat, jedenfalls gemessen am Weltmaßstab. Berge, falls die höchste Erhebung Estlands mit 318 Metern nicht eher dazu nötigt, von Hügeln zu sprechen, Ebenen, Flüsse und Seen, selbst die Küste der eher ruhigen Ostsee drücken Zurückhaltung aus, enthalten sich jeglicher Aufdringlichkeit.
Nirgendwo das Gefühl zu haben, etwas Großartiges versäumt zu haben, befreit eine Reise durch diese Region den Reisenden von den Zwängen des modernen Tourismus. Man öffnet sich schnell für die leisen Zwischentöne, das Gleichmaß der Landschaftsformen, das harmonische Farbenspiel zwischen Himmel, Wasser und Land.
Ein klarer, blauer Himmel, niedrig hängende weiße Wolken, dunkle Seen mit sauberem Wasser, in der Spätsommersonne leuchtende Getreidefelder, neben dem Mähdrescher gibt es noch den Bauern, der mit Pferd und Pflug den Boden beackert, kleine, stille Dörfer, in denen sich die Hände regen, in denen aber auch Zeit für ein Schwätzchen am Zaun ist: Estland im Sommer.
Besonders treffend hat der baltische Schriftsteller Siegfried von Vegesack dieses Land in seinem Gedicht „Nordische Heimat" charakterisiert:

Nirgends ist der Himmel so hoch, und die Erde so groß,
nirgends sind die Wälder so ohne Ende.
Nirgends die Birken so weiß, und so grün das Moos,
und so rot am Abend die flammenden Sonnenbrände.

Nirgends ist die Erde so tief, und das Wasser so stumm,
tief im bemoosten Brunnenschacht liegt es versunken.
Knarrend hebt sich die Stange, verwittert und krumm, --
aber nirgends hab' ich so gutes Wasser getrunken.

Nirgends ist der Sommer so hell, -- und so kurz.
Schon dunkeln die Weidenstümpfe, die Stoppelfelder, die müden.
Über dem Moor, immer tiefer zum Horizont, im flügelnden Sturz
ziehen mit klagendem Schrei die Kraniche in den Süden.

Zurück in Kohala wird es wieder ein schöner Abend.

 

9. und 10. Tag. Mo. 15. 08. und Di. 16. 08.
Weiterfahrt über Kuremäe nach Tartu und weiter durch Ostestland und Ostlettland nach Bauska

Nach dem Frühstück verabschieden wir uns von Mikka und Karin und fahren an der Küste der Ostsee entlang auf der Steilküste zum höchsten Wasserfall Estlands. Auf dem Weg dahin passieren wir das Ölschiefergebiet von Johvi und Kohtla-Järve. Es ist noch ausgesprochen diesig und so wirkt dieses Gebiet mit seinen Schloten und riesigen Abraumhalden noch trister als es ohnehin schon ist. Seit dem Ersten Weltkrieg wird in der Provinz Ost-Virumaa Ölschiefer abgebaut. Der immense Heizstoffbedarf der Sowjetunion machte die Dörfer Kohtla und Järva zum Industriezentrum und mit sozialistischer Konsequenz zum ökologischen Notstandsgebiet. Weite Teile der Region fielen dem Tagebau zum Opfer. Kraftwerke und Chemieanlagen der Stadt blasen ungefilterte Abgase in die Luft bzw. leiten verseuchte Abwässer in die nahe Ostsee. Den typischen Verbrennungsgeruch behalten wir noch eine Weile in der Nase. Norderstedt ist die deutsche Partnerstadt von Kohtla-Järve.
Der Wasserfall Valaste juga ist mit 30,5 m der höchste Wasserfall in Estland. Das Wasser fließt unweit der Ostsee über den Klint, ein Hochufer und bietet ein beeindruckendes Naturschauspiel, sofern ausreichend Wasser vorhanden ist. Der Wasserfall war über eine Aussichtsplattform gut zugänglich, die allerdings inzwischen teilweise zusammengefallen ist.
Diese nördliche Steilküste, die bis zu 55 Meter über dem Meeresspiegel liegt, unterscheidet sich deutlich von anderen Abschnitten der Küste Nordestlands. Die Steilküste Ontika ist der höchste Teil des baltischen Steilufers, das über 1100 km lang ist, in Schweden auf der Insel Öland beginnt und bis zum Ladogasee in Russland reicht.
Wir biegen nach Süden ab und erreichen das Kloster Pühtitsa beim Dorf Kuremäe, das einzig tätige russisch-orthodoxe Kloster in Estland. Hier leben etwa 100 Ordensschwestern und Novizinnen in traditioneller Lebensweise. Entsprechend einer orthodoxen Legende kam es im 16. Jh. in Kuremäe zu einer Erscheinung, dann soll unter einer alten Eiche eine Ikone gefunden worden sein. Die Gebäude sind im russischen Stil erbaut und von einem sehr schönen Garten umgeben. Der bemerkenswerteste Bau ist das Tor mit sieben Glocken, von denen die größte 2,5 Tonnen wiegt. Er wird gerade restauriert. Die Wandmalereien im Tordurchgang stellen die Geschichte des Erscheinens von Jungfrau Maria dar. Vor der Hauptkirche putzen zwei alte Frauen Öllampen und die Ketten mit denen sie aufgehängt werden. Die beiden reagieren äußert keifig, als sie unsere Fotoapparate sehen. Eine kommt uns nachgeschlichen, als wir in die Hauptkirche gehen. Mit der alten Dame, die dort Aufsicht führt, komme ich ins Gespräch und nach kurzer Zeit ist sie uns sehr zugetan, ist gar nicht zu bremsen mit ihren Erläuterungen, die ich noch übersetzen muss.
Anschließend wünscht sie uns nach russischer Tradition noch eine gute Weiterfahrt.

Entlang des Peipussees fahren wir nach Süden. Ein Teil des Peipus, mit 3 600 km² Fäche einer der größten Seen Europas, liegt auf estnischem Gebiet, der Rest ist russisch. Dann erreichen wir Tartu. Die günstige geographische Lage der Stadt am Schnittpunkt von verschiedenen Handelswegen, die von Norden nach Süden liefen und an der Wasserstraße des Embachs von Westen nach Osten zum Peipussee, spielte eine entscheidende Rolle in der Entwicklung von Tartu zur bedeutenden Handelsstadt. Zumindest seit dem Lübecker Hansetag von 1363 war Tartu/Dorpat neben den beiden anderen großen livländischen Städten, Riga und Tallinn/Reval vertreten. In der Folgezeit spielte Tartu die führende Rolle im Petershof, dem Hansekontor von Nowgorod, und sorgte bis zum Niedergang der Hanse im 16. Jh. für den Transithandel mit Pskow/Pleskau und Nowgorod. Die hier vom schwedischen König Gustav Adolf gegründete Universität hat für das geistige Leben Estlands eine ganz entscheidende Rolle gespielt. Das galt besonders für das 19. Jahrhundert. Aber auch heute noch bestimmt die etwa 115 000 Einwohner zählende Universitätsstadt Tartu das intellektuelle Leben des Landes.

Wir verlassen Tartu und fahren nach Südwesten. Bei Valga/Valka überqueren wir die estnisch-lettische Grenze. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Stadt 1920 in einen lettischen und einen zu Estland gehörenden östlichen Teil Valga gespalten mit wechselvoller Geschichte. Nach der Unabhängigkeit von Lettland und Estland war die Grenze im Ort wieder Staatsgrenze. Aber seit dem Inkrafttreten des Schengener Abkommens ist es wieder möglich, ohne Kontrollen innerhalb des Stadtgebietes die Länder zu wechseln.
Dann erreichen wir den Gauja National Park und machen einen Stopp in der Bierstadt Cesis. Wir überqueren die Düna und erreichen Bauska. Bevor wir aber zum Hotel fahren, machen wir noch einen Abstecher zum Schloss Pilsrundale, der großen Überraschung dieser Gegend. Völlig unerwartet taucht aus dem platten Land des Schloss Rundale/Ruhental auf. Mit dem Bau dieses Barockschlosses in der Nähe von Bauska, wurde 1736 begonnen. Architekt war der berühmte Francesco Bartholomeo Rastrelli, der auch den Winterpalast in Sankt Petersburg gebaut hat. Bauherr war Ernst Johann Biron, Herzog von Kurland, Favorit der Zarin Anna I. und ein notorischer Genießer. Das Schloss ist eine hufeisenförmige Anlage mit 138 Zimmern und Sälen. In der Küche unter der Kleinen Galerie ließen sich acht Schweine gleichzeitig über offenem Feuer braten. Den Audienzsaal haben italienische Künstler mit blauem und rosa Stuckmarmor und vergoldeten Stuckreliefs ausgekleidet. Im Schlosspark sollen einmal über 300.000 Linden gestanden haben.

 

11. und 12. Tag. Mi. 17. 08. und Do. 18. 08. Über Vilnius nach Kaunas
Nach dem Frühstück fahren wir los, vertanken die letzten Lat und überqueren wenig später die Grenze nach Litauen. Schon bald danach erreichen wir den Berg der Kreuze, ein ganz besonderer Ort. Auf einem Hügel befinden sich hier wohl 100.000 große und kleine Kreuze, nicht gerechnet die zahllosen kleinen Kreuzanhänger. Pilger stellen Kreuze auf den Hügel, verbunden mit einem Wunsch oder Dank. Zur Entstehung des Hügels, dem Aufstellen der Kreuze sowie der damit ausgelösten Wirkungen gibt es zahlreiche Sagen und Legenden. Historiker glauben, dass die ersten Kreuze im 19. Jh. nach den polnisch-litauischen Aufständen gegen den Zaren aufgestellt wurden, zum Gedenken an die gefallenen, hingerichteten und deportierten Aufständischen. Nach dem Ersten und vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg waren den Kommunisten diese Zeichen litauischer Frömmigkeit unheimlich. In der Stalinzeit und sogar noch unter Breschnew hat die Obrigkeit mehrfach versucht, die Wallfahrt zu unterbinden und den Hügel zu zerstören. Mindestens dreimal wurden die Kreuze mit Planierraupen niedergewalzt. Doch die Menschen brachten immer neue Kreuze und Skulpturen auf den Hügel und so wurde der Berg der Kreuze auch ein nationaler Wallfahrtsort, den alljährlich über 100.000 Gläubige und Touristen besuchen.

Kurz vor der litauische Hauptstadt Vilnius erreichen wir den geografischen Mittelpunkt Europas. 1989 hatte das Nationale Geografische Institut Frankreichs mit Computerhilfe den Mittelpunkt Europas neu vermessen und festgelegt: 25° 19' östlicher Länge und 54° 54' nördlicher Breite als Schnittpunkt der Achsen Nordkap-Kreta und Ural-Gibraltar. Ein schlichter Findling kennzeichnete den Ort. Seitdem anlässlich des EU-Beitritts von Litauen ein von einem Sternenkranz gekrönter Obelisk und gepflasterte Wege hinzukamen, hat der markante Mittelpunkt allerdings viel von seinem ursprünglichen Flair verloren.

In der Hauptstadt Vilnius kann man stundenlang in den alten Gassen und Straßen der Innenstadt herumschlendern und stets etwas Neues entdecken. Die Stadt erstreckt sich rechts und links der Neris zwischen acht Hügeln. Der Kathedralenplatz ist der Ausgangspunkt, um die Stadt zu Fuß zu erkunden. Auf diesem Platz pulsiert heute das Leben. Er ist das Herz der Stadt und beliebter Treffpunkt der Einwohner von Vilnius, besonders der Studenten und Treffpunkt der Skateboardszene. Mit Audrone gehen wir durch die Straßen und Gassen, durch die Hinterhöfe und Kirchen. Heute sind es nur wenige Kilometer von der litauischen Hauptstadt Vilnius nach Kaunas.
Am nächsten Morgen verlassen wir Vilnius in westlicher Richtung und machen einen Abstecher zu der in einer schönen Seenlandschaft gelegenen Burg von Trakai, der einzigen gotischen Wasserburg der Welt. Trakai war die erste Hauptstadt des Fürstentums Litauen. Die Burg liegt auf einer Insel im Galvé-See und stammt aus der zweiten Hälfte des 14. Jh., als sie zur Abwehr gegen den Kreuzritterorden erbaut wurde. Von hier aus regierten die mächtigen Großfürsten Vytautas, Kestutis und Gediminas ihr Reich. Da jeder Litauen-Reiseanbieter Trakai in seinem Programm hat, gibt es hier oft Gedränge, zumal auch die bunten Häuser der Sekte der Karäer zu gezeigt werden.
Großfürst Vytautas holte die strenggläubigen altjüdischen „Leute der Heiligen Schrift" im 14. Jh. als Palastwachen und Handwerker von der Krim an seinen Hof. So weit hatte nämlich das Großlitauische Reich in seiner maximalen Ausdehnung gereicht. Den Zweiten Weltkrieg überlebten die Karäer, weil die Nazis sie nicht als Juden ansahen. Bis heute haben sie ihre Bräuche und ihre alte, dem Türkischen verwandte Sprache beibehalten.

Von dort fahren wir weiter nach Kaunas, das wir am Nachmittag in einem Stadtrundgang entdecken. Im beliebtesten Museum von Kaunas, dem Teufelsmuseum, hat der Maler Antanas Zmuidzinavicius unzählige Teufelsdarstellungen mit überwiegend humoristischen Charakter zusammengetragen. Es macht auf den tiefen Glauben der Menschen in Litauen aufmerksam. Viele Geschichten rund um Hexen, Teufel, den Mächten der Finsternis und des Lichts sind hier in Litauen entstanden.
Der Rathausplatz bildet das Herz der Stadt. Hier stoßen wir auf den Weißen Schwan, mit dem allerdings nicht etwa ein Vogel gemeint ist, der sich von den nahen Flüssen verirrt hat, sondern das barocke Rathaus. Den Namen „Weißer Schwan" verdankt es seinem nachträglich gebauten Turm. Hier residierte im 19. Jh. der Zar, später diente es dem russischen Gouverneur als Residenz. Mit seinem schlanken weißen Turm erinnert es mehr an eine Kirche von denen es in Kaunas reichlich gibt. Eindrucksvoller noch als die Kirchen ist es, in einem der zahlreichen Bierlokale zu sitzen und den vorbei flanierenden Menschen zuzusehen.

 

13., 14. und 15. Tag. Fr. 19. 08., Sa. 20. 08. und So. 21. 08.
Entlang der Memel auf die Kurische Nehrung, zurück nach Klaipeda und Fahrt über die Ostsee nach Kiel

Nach dem Frühstück fahren wir in westliche Richtung nahe der Memel, die litauisch Nemunas heißt, flussabwärts über Jurbarkas und Silute nach Klaipeda zum kleinen Fährhafen, um mit der Fähre auf die Nehrung überzusetzen.
Auf dem Weg nach Klaipeda machen wir einen Abstecher nach Vente. Auf einer Landzunge des Kurischen Haffs liegt Vente, die Windenburger Ecke mit dem Leuchtturm aus dem 19. Jh. und der Vogelwarte. Ventes Ragas ging 1929 aus der Nebenstelle von Rossitten hervor, der weltweit ersten Vogelwarte. Kein Wunder, denn fast alle Vögel aus Nordost-Europa ziehen hier durch. Vogelfangnetze, wie gegenüber in Rossitten, auf der anderen Seite des Kurischen Haffs, im heute russischen Teil Ostpreußens, dienen der Erforschung des Wanderzuges der Vögel. Pro Jahr werden hier etwa 50.000 Vögel beringt. Klaipeda passieren wir heute nur, um zur Fähre auf die Kurische Nehrung zu gelangen. Dort fahren wir durch den Nationalpark weiter bis nach Nidden.

Die Kurische Nehrung ist eine 98 km lange Halbinsel zwischen Klaipeda/Memel und Lesnoje/Sarkau, von dem heute 52 km zu Litauen und 46 km zu Russland gehören. Sie trennt das Kurische Haff von der Ostsee. Die Nehrung besteht ausschließlich aus Sand mit riesigen Wanderdünen, die nach der Abholzung in der frühen Neuzeit in den vergangenen Jahrhunderten immer wieder Ortschaften unter sich begruben. Im Jahr 2000 wurde die Kurische Nehrung von der UNESCO zum Weltnaturerbe erklärt. Benannt ist die Kurische Nehrung nach dem Volksstamm der Kuren. Typisch sind die „Wimpel" der alten Segelboote des Haffs, die so genannten Kurenwimpel, an denen man genau ersehen konnte, wem das Boot gehörte, welchen Familienstand er hatte und wo er wohnte. Heute würden wir vom „Facebook Profil" sprechen. Ein paar kurze Schauer gehen auf uns nieder und so sind wir froh, endlich unser Hotel in Nidden erreicht zu haben. Dort treffe ich Uwe, einen befreundeten Busfahrer, der mit „Der kleine Glückstedter" auf Memel-Ostpreußentour ist. Wir schaffen es gerade zurück ins Quartier, als ein heftiges Gewitter mit richtigem Sturm über Nidden hinweggeht.

„Unser" Uwe hat heute Geburtstag. Wir überraschen ihn beim Frühstück mit einer Torte. Das Wetter ist an diesem Morgen nicht der Bringer. Dennoch machen wir einen Spaziergang zum „Schwiegermutterberg", auf dem sich Thomas Mann 1930 ein Sommerhaus bauen ließ, „als Gegengewicht gleichsam zu unserer süddeutschen Ansässigkeit". Er war fasziniert von der „unbeschreiblichen Eigenart und Schönheit dieser Natur". Die Familie Mann verbrachte drei Sommer in Nidden. Das reetgedeckte Thomas-Mann-Haus ist heute eine kulturelle Forschungs- und Begegnungsstätte mit Museum. Interessant auch der alte Friedhof des Ortes.
Wir machen uns zur Abreise fertig, fahren noch auf der Hausdüne und machen einen weiteren Stopp mit einem eindrucksvollen Blick auf die aufgewühlte Ostsee. Mal sehen, wie die Fährfahrt zurück nach Kiel sein wird.
Endlos scheint sich die Nehrung hinzuziehen. Dann erreichen wir Smiltyne und setzen nach Klaipeda/Memel über und sind in Litauens drittgrößter Stadt, die ebenfalls ihr Gesicht nach dem Krieg erheblich verändert hat. In den alten Fischergängen bemüht man sich, die Gebäude zu restaurieren. Heute ist hier der Bär los - die Baltic Sail hat einen ganze Reihe von Großseglern angelockt und viele Besucher sind trotz des durchwachsenen, sehr stürmischen Wetters unterwegs. Interessant, den vielen Brautpaaren zuzuschauen, die wie in einer großen Prozession erst auf der Brücke über die Duna erscheinen, ein Schloss am Gitter anbringen, um anschließend gemeinsam den Schlüssel in den Fluss zu werden. Dieselben Brautpaare machen einen zweiten Fotostopp vor einem der Großsegler, wobei die Hochzeitskleider hoch fliegen und - welch Überraschung - viel Bein freilegen.

Dann versorgen wir uns noch mit einigen Leckereien und fahren zum Fährhafen, der im Süden von Klaipeda liegt. Bis zur Abfahrt haben wir noch etwas Zeit und verzehren mit viel Vergnügen unseren Einkauf.
Um 22:00 Uhr beginnt das Einschiffen nach Kiel. Rechtzeitig vor Mitternacht beziehen wir die Kabinen, haben ein erstes Bier und erleben dann die Abfahrt der LISCO OPTIMA.
Dann folgt die Fahrt mit der Fähre über die Ostsee nach Kiel, ein Tag der Entspannung, des Klönens, Lesens und Schreibens. Ankunft in Kiel um 22:00 Uhr Ortszeit in strömendem Regen. Nicht so schlimm, denn hinter uns liegen zwei Wochen mit überwiegend gutem Wetter und interessanten Eindrücken.

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