Die kleinen Ostseerepubliken sind zurück in Europa - mit stiller Natur, gastfreundlichen Menschen und höchst interessanten und pulsierenden Hauptstädten.
„Estonia: douze Points"- 2001 rückte Estland als Gewinner des European Song Contest im Bewusstsein vieler TV-Zuschauer erstmals auf die europäische Landkarte. Ein Jahr später richteten die Esten dann den Gesangswettbewerb in ihrer Hauptstadt Tallinn aus. Und nutzten sie diese Möglichkeit, um den nördlichsten der baltischen Staaten einer internationalen Öffentlichkeit vorzustellen. Gesang und Musik waren für die Menschen aller Baltenrepubliken stets von existenzieller Bedeutung. Durch Traditionspflege, insbesondere in ihren überlieferten Liedern wahrten sie über viele Generationen ihre nationale Identität. Denn über Jahrhunderte lebten die Balten unter fremder Herrschaft: Dänen, deutsche Ordensritter, Polen, Schweden, Russen, sie alle hinterließen im Land an der Ostsee ihre Spuren. Zwar lösten sich die baltischen Staaten mit Ende des ersten Weltkrieges aus dem Zarenreich, doch endete diese Eigenständigkeit mit dem Hitler-Stalin-Pakt 1939. Von Moskau einverleibt, von den Deutschen besetzt, wurden die drei Länder nach Kriegsende Sowjetrepublik. Durch Flucht, Massendeportationen und staatlichen Mord reduzierte sich die ethnische Bevölkerung um mehr als ein Viertel. Im Gegenzug kamen Einwanderer aus der Sowjetunion hierher, die auch heute noch in allen drei Ländern einen hohen Prozentsatz stellen. Mit der „singenden Revolution" befreiten sich die baltischen Staaten ab 1989 aus der zerfallenden Sowjetunion und erlangten ab 1991 ihre Unabhängigkeit zurück.
Eine Reise ins Baltikum geht auch über Land, auf dem alten Handelsweg Brügge-Nowgorod durch Deutschland und Polen. Doch entspannter ist eine Anreise mit der Fähre. Je nach deutschem Abfahrtshafen bieten sich Kleipeda/Memel, Liepaja, Ventspils, Riga oder Tallinn als Zielhafen an. Starten wir in Tallinn. Man fühlt sich ins späte Mittelalter zurückversetzt, wenn man die Altstadt von Tallinn durchstreift. Damals hieß die estnische Hauptstadt noch Reval und das gilt bei der deutsch-baltischen Ritterschaft noch bis heute. Eindrucksvoll die Frische und die Menge an Aktivitäten, die man hier spürt, jung, dynamisch. Ein Stück hinaus aus der Stadt ist es gleich anders. Auf dem Lande scheint mancherorts die Zeit stehen geblieben zu sein. Davon zeugen einige wundervoll gelegene und inzwischen zum Teil restaurierte Gutsanlagen mit alten landwirtschaftlichen Traditionen ebenso wie die estnische Universitätsstadt Tartu, in der die kulturelle und geistige Elite des Landes ihre Heimat hatte und hat.
Fahrerisch ist eine Reise durchs Baltikum keine Herausforderung, kurvenreiche Strecken sind eher selten, denn landschaftlich sind die drei Länder von der letzten Eiszeit geprägt. Zahlreiche Flüsse und Seen, Sumpfgebiete und Findlinge, große Ebenen und flache Hügelländer, deren höchste Erhebung 318 Meter erreicht. Es ist die Vielzahl von eher sanften Eindrücken, die eine Reise durchs Baltikum nachhaltig macht. Wälder, so weit das Auge reicht. Storchennester auf Telegrafenmasten, einsame Ostseestrände und Sommernächte, in denen das Licht des Nordens in östlicher Melancholie zerfließt. Es klingt nach Burgruinen, Blaubeeren und Bernstein, vor allem aber nach Weite und Stille. Riga, Lettlands Hauptstadt pflegt den Charme einer Hansestadt mit modernen Attributen - Jugendstil und ehemalige Zeppelinhallen zeugen auch von der Wichtigkeit in anderen Jahrhunderten. Eine Stadt, die sich in ihrer pulsierenden Vitalität mit Berlin, in ihrer Eleganz mit Paris und in der Pracht ihrer Jugendstilfassaden mit Prag und Wien messen kann. Barocker und katholischer dagegen die litauische Hauptstadt Vilnius, eine multikulturelle Metropole mit aufregender Altstadt. Die Zeit als sowjetische Republik hatte einige Veränderungen gebracht, die besonders aus ökologischer Sicht eher negativ zu bewerten sind. An diesem Erbe haben die baltischen Staaten wohl noch lange zu tragen. Sylvester 2009 wurde in Ignalina das einzige AKW Litauens, ein „Tschernobyl-Typ", vom Netz genommen, eine Bedingung für den Beitritt in die EU. Da das AKW aber drei Viertel des Strombedarfs beisteuerte, stürzte nicht nur Litauen, sondern das gesamte Baltikum in ein Energie-Loch. Mal sehen, was daraus wird.
Schon früh begann man, die einmaligen Naturressourcen zu bewahren und zu schützen, wie im estnischen Nationalpark Lahemaa, im lettischen Gaujas-Nationalpark oder litauischen Nationalpark Kurische Nehrung. Eindrucksvoll ist auch der Küstenbereich, im Norden, in Estland, aufgesplittert in zahllose Buchten und über 3.000 Inseln. Einige davon sind auf einer Rundreise gut zu erreichen. Dann geht es entlang der einsamen Küste Lettlands mit kilometerlangen „Liegewiesen": Statt Palmen stehen hier zwar Kiefern, aber das tiefblaue Wasser und der weiße Sand vermitteln fast Karibik-Flair. Malerische Fischerdörfer und die höchsten Wanderdünen Europas kennzeichnen die kurische Nehrung in Litauen Die UNESCO hat dieses Ziel vieler Reisender zum Welterbe der Menschheit erklärt.
Aus unserer Sicht sehen wir das Baltikum als einen Teil Osteuropas. Doch nur eine halbe Fahrstunde nördlich von Vilnius, nahe dem Dörfchen Purnuškes, ragt ein Hügel aus der Ebene, der alte Burgberg Bernotai. Ein Pfad führt zu einer Marmorsäule hinauf, zwei Koordinaten stehen hier in einer Windrose: 54° 54' nördlicher Breite und 25° 19' östlicher Länge. Der Punkt kennzeichnet die geografische Mitte Europas.Und allein deshalb ist das Baltikum einen Besuch wert.
Jürgen „Juri" Grieschat
Diese Reise durch die drei baltischen Staaten findet wieder statt im Rahmen der geführten Motorradreise:
Baltikum - Begegnungen vom 06. - 21. August 2011
Geführte Motorradreise nach und durch das Baltikum mit Begleitfahrzeug. An- und Abreise mit der Fähre Kiel - Klaipeda / Memel. Für Kurzentschlossene sind zwei Plätze im Begleitfahrzeug vorhanden.
Design & technische Umsetzung: Globetrotter Reisebüro GmbH